Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung
"Die antiliberalen Strömungen in der österreichischen Geschichte halte ich für einen grundlegenden Zugang, wenn man die Geschichte dieses Landes verstehen will, und zwar nicht nur zur Geschichte der Republik", so Leidinger. "Man muss sich vergegenwärtigen, dass es schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - ich verweise nur auf den Börsenkrach von 1873 - ein massives Unbehagen an gewissen liberalen Entwicklungen gegeben hat. In weiterer Folge war die Entwicklung der Donaumonarchie nie davon geprägt, dass sie die Demokratie etwa unterstützt hätte, sie hat sie hingenommen. Als sich 1918 die drei Lager - bereits ausgebildet in der späten Monarchie – als staatstragende Formationen zur Verfügung stellen, sind sie alle drei im Wesentlichen von antiliberalen Überzeugungen getragen. (...) Es wird ein großes Bedürfnis nach Versöhnung, nach Harmonie ausgedrückt, das ist allerdings ein Harmoniebedürfnis, das das Wesen der Demokratie als systematisierte Auseinandersetzung nicht erfasst. So ersehnen die einen ein korporatistisch-ständestaatliches Modell, die anderen die Volksgemeinschaft und die Dritten ein Modell gelebter Klassensolidarität. Das alles geht - vor allem in der Zwischenkriegszeit – in hohem Maße zu Lasten der Republik."
Verena Moritz und Hannes Leidinger haben sich eine strikte Arbeitsteilung auferlegt in ihrem Buch: Während Leidinger in fünf pointierten Großessays die Hauptlinien der österreichischen Zeitgeschichte herausarbeitet, beschreibt Verena Moritz, ausgehend von historischen Film-Wochenschauen, neun Schicksalsdaten der österreichischen Geschichte, vom 12. November 1918 bis zum legendenumwobenen Jahr 1968.
"Wir beginnen mit den Bildern, wir beginnen mit Filmen, sodass sich der Leser empfinden kann wie jemand, der ins Kino geht und der durch diese Bilder unvermittelt in die Zeit hineingeworfen wird", sagt Moritz.
Die Verschränkung der Filmbeschreibungen mit den erläuternden Essays ist nicht befriedigend gelöst. Als Leser verliert man allzu leicht den Überblick, wo man sich nun gerade befindet. Hier hätte eine grafische Gliederung geholfen, ein Versäumnis des Lektorats oder der Verlagsgrafik. Das bleibt freilich das einzige Manko dieses mehr als bemerkenswerten Buchs.
Die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert - in Leidingers und Moritz’ Republikbuch erscheint sie als Geschichte einer widerwilligen Modernisierung. Vordemokratische Harmoniesucht und spätfeudale Obrigkeitshörigkeit gehen in dem, was man die "österreichische Seele" nennt, auch nach 1918 eine mehr als unheilige Allianz ein, so lautet eine ihrer Thesen. Zwischen bohrendem Selbstzweifel und auftrumpfender Selbstüberschätzung vermag sich der österreichische Untertan auch heute nicht so recht zu entscheiden. Seinen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex kompensiert er mit alkoholgetränkter Leutseligkeit und mit aggressivem Fremdenhass, was sich gegenseitig keineswegs ausschließt.
"Abgesehen vom Antisemitismus, dem wir uns natürlich auch widmen, haben wir uns vor allem auf die Feindbilder aus dem Osten konzentriert, vor allem auf das große Feindbild der 'Russen'", erklärt Moritz, "was natürlich zurückzuführen ist auf 1918 und die damals für einige durchaus realistische Gefahr einer Räterepublik nach russischem Muster. Dazu kommen die Feindbilder, die in den Jahren nach 1945 entstanden sind: Da war 'der Russe' das Feindbild schlechthin."
Linke Gruppen jenseits der SPÖ taten sich in Österreich immer schon schwer. Wenn in diesem Land eine starke, radikale Opposition seit 1918 erfolgreich war, kam sie stets von rechts, betont Hannes Leidinger: "Eine linke, sozialrevolutionäre Alternative existiert in der österreichischen Republiksgeschichte von vornherein nicht, denn die drei Lager sind im Wesentlichen fest. Das heißt, soweit sich einerseits das katholisch-konservative und andererseits das sozialdemokratische Lager ausbilden und sobald die beiden Regierungsverantwortung auf Länderebene und auf Bundesebene übernehmen, bleibt als einzige Oppositionskraft fast regelmäßig die nationale Rechte über."
So gesehen vermögen die 28 Prozent, die das sogenannte "Dritte Lager" bei den letzten Nationalratswahlen erringen konnte, nicht weiter zu überraschen. Die historischen Kontinuitäten sind evident. Dass eine Wirtschaftskrise desaströsen Ausmaßes am Horizont heraufdämmert, macht die Sache für Österreichs Rechte noch aussichtsreicher: Die 28 Prozent für Jörgs und Straches rechte Recken sind mit Sicherheit nicht das letzte Wort.
Warum die österreichischen Verhältnisse so sind, wie sie sind, warum es die Aufklärung in diesem Land - trotz schöner Teilerfolge - nach wie vor schwer hat, für diese Fragen halten Hannes Leidinger und Verena Moritz in ihrem blitzgescheiten, über weite Strecken brillant geschriebenen Buch überzeugende Antworten bereit.
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Hannes Leidinger und Verena Moritz, "Die Republik Österreich 1918/2008. Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung", Deuticke im Zsolnay Verlag
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