Schlechte Zeiten sind gute Zeiten
Roboter bauen, Web-Applikationen schreiben, Spiele programmieren, Kunstaktionen planen oder einfach nur ein bisschen mit der Konsole spielen. Im Lokal des Wiener Netzkultur-Vereins Metalab kann man eigentlich immer genau das machen, was man will. Der Verein hat derzeit 120 Mitglieder, von denen sich einige als Web 2.0-Unternehmer versuchen. Einer davon ist der 25-jährige Paul Böhm. Er ist in das Projekt mjam.at involviert.
Seit drei Monaten ist die Seite im Netz und hat sich der Kulinarik verschrieben. Gerade im Metalab wird eher wenig gekocht, sondern lieber bestellt. Eine neue Art der Essensbestellung war auch die Grundidee für mjam.at. Auf der Seite kann in ganz Wien essen bestellt werden. Ist die Qualität der gelieferten Speisen gut, bekommt das Restaurant gute User-Rankings. Wer schlechtes Essen liefert, landet auf den hinteren Plätzen.
Der Kunde soll dadurch profitieren, dass er nicht mehr von kalten Pizzas oder Schnitzeln mit der Konsistenz einer Schuhsohle leben muss. Böhm will einen großen Markt bedienen. Das Essen bestellen ist in den USA und Europa zusammen ein 880 Milliarden US-Dollar schwerer Markt.
"Immer mehr Eltern bestellen mittags, um mit ihrem Kind gemeinsam zu essen, weil sie es nicht mehr zum Kochen oder Einkaufen und so weiter schaffen. Das ist ein Trend, den wir schon seit sehr langer Zeit sehen und die Tendenz ist steigend", so Böhm.
Die Idee der Essensbestellung via Internet ist nicht neu. Wo bleibt also die Innovation? Die liegt laut Böhm nicht in der Neuheit eines Produkts, sondern in dessen Qualität. Dabei beruft er sich auf große Vorbilder. Schließlich habe es vor eBay schon Online-Auktionshäuser und vor Google Online-Suchmaschinen gegeben.
Böhm: "Keine der Firmen, die international zu Vorbildern geworden sind, waren innovativ in diesem eng definierten Sinn. Sie haben es geschafft, eine Sache die schon da war und einen Markt gehabt hat, besser zu machen."
Mit Dingen, die schon da sind und die jeder kennt beschäftigt sich auch eine weitere Unternehmensgründung aus dem Umfeld des Metalabs. Das Online-Service soup richtet sich an jene Internet-User, die zwar ständig neue Fundstücke im Netz finden, über diese aber nicht jedes Mal einen eigenen Blog-Eintrag schreiben wollen.
Auf soup lassen sich Videos, kurze Text-Fragmente und sonstige Dinge schnell und problemlos online stellen. Derzeit hat soup rund 12.800 User. Die drei Verantwortlichen sind 18, 24 und 26 Jahre alt. Einer davon ist Christopher Clay: "Wir wollen Online-Publizieren so einfach wie möglich machen. Auf soup kann man seine Interessen und Aktivitäten bequem sammeln. Dadurch entsteht eine Art Multimedia-Stream von verschiedenen Inhalten."
Vor drei Monaten ist das Team nach London gezogen. Die britische Firma Seedcamp wählt jährlich aus hunderten Bewerbungen 20 Ideen für Start-Ups aus, die sich dann vor einer Investorengruppe präsentieren dürfen. Fünf davon erhalten jeweils 50.000 Euro und werden drei Monate lang betreut.
Das Team von soup wurde dafür ausgewählt. Mitte Dezember gibt es die große Schlusspräsentation, bei der die Projektbetreiber ihrer Idee einer großen Investorengruppe vorstellen. Nach Wien wollen die drei Jungunternehmer nicht zurückkehren: "Es gibt dort einfach keine weiteren Investments und wenn doch, dann sind sie sehr schwierig zu bekommen. Wir werden vielleicht in die USA gehen, vielleicht gibt es eine Möglichkeit im Silicon Valley", erklärt Clay.
Wer also Investoren für ein Web 2.0 Startup sucht, ist in Wien fehl am Platz. Neben den fehlenden Investoren gehen laut Paul Böhm auch die öffentlichen Förderstellen völlig falsch mit den Projekteinreichungen um. Legt man eine innovative Idee auf den Tisch, würde man gleich zu hören bekommen, das sei wirtschaftlich nicht tragbar.
"Wenn ich aber mit etwas rein Wirtschaftlichem komme, dann sagen sie mir, das ist nicht innovativ. In Österreich wird nicht zugelassen, dass Firmen ihre erste Finanzierung bekommen, um eine Idee mit Potential gut umzusetzen."
Sehnsüchtig blickt Böhm ins kalifornische Silicon Valley. Das Gebiet südöstlich der San Francisco Bay gilt seit jeher als Mekka jener kleinen Garagenfirmen, die sich durch gute Ideen in wenigen Jahren zu globalen Konzernen entwickelt haben. Dort, wo Google, IBM, Apple, ebay, Yahoo und viele andere ihre Imperien verwalten, begegnet man Startup Ideen ohne die hierzulande gebräuchlichen Hemmschwellen.
Dort geht es laut Böhm nicht um Business-Pläne sondern ausschließlich um gute Ideen und ein gutes Team. Gerade heute, wo man als Internet-Firma keinen Vertriebskanal und nicht einmal mehr eine eigene Serverfarm braucht, können Produktideen ohne allzu hohe Kosten verwirklicht und auch gleich am Markt getestet werden. Böhm: "In Österreich haben wir einen Kontrollwahn. Man muss ständig um Erlaubnis fragen und das erstickt die Innovation."
Die Lage der Weltwirtschaft ist in diesen Zeiten alles andere als rosig. Sind nicht gerade jetzt neue Firmen ohne großes Kapital ein ökonomisches Himmelfahrtskommando? „Nein“, so der abschließende Kommentar von Paul Böhm. Gerade in solchen Zeiten müsse man Risiken eingehen und neue Projekte starten.
Auch hier werden wieder große Vorbilder zitiert: "Google und Microsoft sind zu Zeiten wirtschaftlicher Depression gestartet worden. Jetzt ist die Zeit, etwas Neues anzufangen. Alte Konzepte brechen zusammen, Dinge können verändert und vorwärts gebracht werden. Und diesen Spirit spürt man auch in Communities wie dem Metalab."
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