Online goes Offline
Der Hintergrund: Eigentlich hat man sich erwartet, Zeit einzusparen. Eigentlich sollte alles bequemer und schneller vonstatten gehen. Wer sich einmal in Bring- und Holschuld des E-Mail-Verkehrs verheddert hat, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Ist die Verbindung hergestellt, vermehren sich Arbeit, Eindrücke und Suchtfaktor rasant wie Schnupfenviren. Irgendwann also musste es kommen, die Reaktion auf den Informationsoverload und Internetboom. Heute heißt es: Offline-sein ist in. Zumindest für die, die es sich leisten können.

Downshifting, Entschleunigung, Consume with moderation, das sind die neuen Schlagworte, sagt die Zukunfts- und Trendforscherin Anja Kirig im Interview via Skype. Ein bisschen paradox ist es schon, per Internetverbindung über den Zeit- und Konzentrationsfresser Internet zu lamentieren, über die Gestaltbarkeit von Pausen zwischen dem get-message button und der grafisch angestrengt lustigen google Startseite zu sinnieren und die Segnungen des Offline-Daseins zu preisen.
Es erinnert an die Arroganz von Trash Mode: Wer bei Designern einkauft, findet Löcher in den Kleidern cool. Anja Kirig zitiert eine Erhebung des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche BITKOM, wonach die ständige Erreichbarkeit durch das Mobiltelefon mehr Störung als Bereicherung ist und der Wunsch sich auszuklinken wächst.
"Wir entscheiden uns heute nicht mehr nur für das Internet, sondern auch bewusst dagegen. All die Jahre ging es darum, das Internet zu bekommen, jetzt ist es Normalität und es geht darum, einen gesunden Umgang damit zu finden."
Einige Hinweise für den frommen Wunsch "Online goes Offline": Immer mehr Firmen führen E-Mailfreie Tage ein. Immer mehr Bücher und Seminare über den effizienten Umgang mit E-Mail und Internet schwemmen den Markt.
Die Aussicht demnächst im Flugzeug - der letzten kompromisslos "freien" Zone - per Handy telefonieren zu können, stößt auf weniger Gegenliebe als erwartet. Und weiters: Wikipedia in Buchform, vor kurzem vom Wissen.Media-Verlag herausgebracht - die Offline-Revolution schlechthin.
Oder aber im Dienstleistungssektor, das Beispiel des deutschen Möbeldesigners und Zufall-Hoteliers Nils Holger Moormann. Er hat im Allgäu ein Hotel aufgebaut, wo man Bücher statt Fernsehen, CDs statt Radio, Zeitung statt WLAN-Anschluss bekommt. Und die Sache hat Erfolg.
Laut Statistik Austria ist der Anteil an Haushalten mit Zugang zum Internet zwischen 2002 und 2007 von 34 auf 60 Prozent gestiegen. Und es geht weiter bergauf. Eine amerikanische Online-Umfrage unter rund 2.000 US-Bürgern hat dieser Tage ermittelt, dass die Hälfte aller Frauen und ein Drittel der Männer lieber zwei Wochen auf Sex als auf den Zugang zum Internet verzichten.
Dummer Vergleich, aber Abhängigkeit muss sich ausdrücken. Es handle sich um einen klassischen "Gegentrend", beharrt Anja Kirig auf der Offline-These. Der Trendreport spiegle Tendenzen. Was wollen die Menschen, was sind die Sehnsüchte und wo schneiden sie sich mit den Bedürfnissen, den Zwängen und den Notwendigkeiten. Und dazu gehört nun einmal: Mehr analog, weniger digital.
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