Günter Grass ortet starke Erosionsschäden der Demokratie

Günter Grass kritisiert die ungleichen Lohn-Niveaus zwischen Ost- und Westdeutschland.
Grass: Zwei Entwicklungen haben den Anstoß gegeben. Zum einen mein schon seit Jahren anhaltendes autobiografisches Schreiben ("Beim Häuten der Zwiebel", "Die Box"). Dazu ließ ich das Tagebuch des Jahres 1990 aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste holen und las, dass sich hier kompakt ein nicht unwichtiges Stück deutscher Geschichte, einer großen Veränderung niedergeschlagen hat. Zum anderen ist im Tagebuch in vielen Eintragungen die gedankliche Vorarbeit für meine literarischen Vorhaben nachzulesen. Auch das finde ich für den Leser interessant - zu erfahren, was alles geschieht, bevor ein Buch zu Papier kommt.
Sie sagten, mit der Publikation Festtagsrednern zu 20 Jahren deutsche Einheit in die Suppe spucken zu wollen?
Ja, es ist vorauszusehen, dass das Misslingen der deutschen Einheit in vielen Bereichen, die auf keiner Einigkeit beruht, weggeschwindelt wird. Man tut so, als wäre sie eine gelungene Sache, dabei haben wir an den Folgen bis heute zu tragen. Damals begann die große Schuldenmacherei. Die Einheit wurde von einem teilweise kriminellen Unternehmen abgewickelt, der Treuhand, die eine Enteignung in einem Ausmaß betrieb, wie wir sie in der deutschen Geschichte noch nie erfahren haben - mit dem Ergebnis, dass heute, 20 Jahre danach, 90 Prozent der Produktionsmittel in den neuen Bundesländern in westlicher Hand sind. Ich befürchte, dass wir uns auf all den Gedenkfeiern in diesem Jahr in die Tasche lügen werden, was den Zustand der Nation betrifft - und alles wird noch verstärkt durch die Finanzkrise, die aber damals schon begann: Das Schuldenmachen, auch dass der Kapitalismus durch den Zusammenbruch der Sowjetunion kein kritisches Gegenüber mehr hatte und meinte, sich nun frei bewegen zu können. Der Rückgriff auf den Manchester-Liberalismus, was man dann nach Orwell'schem Sprachgebrauch Neoliberalismus nannte, nahm damals seinen Anfang, und die Ergebnisse bekommen wir heute zu spüren.
Ich hatte 1990 in Portugal Heuschrecken gezeichnet und fand sie jetzt als Motiv für den Umschlag des Buches geeignet. Als Franz Müntefering diesen bildhaften Begriff in die politische Debatte warf, hat man ihn ausgeschimpft - das tut heute keiner mehr.
Gab es überhaupt eine Alternative zu einer schnellen Anschluss-Vereinigung? Das historisch offene Fenster schloss sich schnell, Gorbatschow sollte bald die Macht verlieren.
Aber das hätte und hat doch nicht zu einer Rückkehr kommunistischer Zwangsherrschaft geführt. Es kam Boris Jelzin, über den man urteilen mag, wie man will. Im Übrigen bin ich ja nicht gegen eine Vereinigung gewesen. Nur: Unsere Verfassung, das Grundgesetz, hat im Schlussartikel zwingend vorgeschrieben, dass im Fall einer Vereinigung dem deutschen Volk eine neue Verfassung vorgelegt werden muss. Das ist nicht geschehen.
Hätte denn das Zusammenbrechen der Industrien in der DDR aufgehalten werden können?
Ja sicher. Ludwig Erhard hatte nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt, dass Betriebe wie Veba, Salzgitter, und VW eine Privatisierung nicht verkraftet hätten, deshalb hat er sie zunächst verstaatlicht, das heißt saniert, und später die Aktien verkauft - das hätte man auch in der DDR mit einer Vielzahl von Betrieben machen können. Stattdessen hat man sie über die Treuhand an Westdeutsche verscherbelt, die dafür Geld kassiert und dann die Betriebe zugemacht haben. Man hat die Konkurrenz ausgeschaltet und damit das Gegenteil von dem getan, was notwendig gewesen wäre, nämlich zu investieren. Außerdem war Bundeskanzler Helmut Kohl zu feige, Steuern zu erheben. So wurde die Einheit auf Pump gemacht.
Wenn Sie Bilanz ziehen zu fast 20 Jahren Einheit. Überwiegt das Positive oder Negative?
In manchen Bereichen sind meine negativen Prognosen übertroffen worden. Das Ausmaß der Enteignungen habe ich mir damals nicht vorstellen können. Ich hätte mir auch nicht ausmalen können, dass noch 20 Jahre nach dem Einheitsvertrag in Ost und West ungleiche Löhne und Gehälter gezahlt werden - bis hinab zu den Mindestlöhnen, die jetzt endlich zumindest in einigen Bereichen durchgesetzt wurden. Das ist ein Skandal in einem reichen Land! Natürlich ist auch viel gemacht worden. Zum Beispiel wurde nicht - wie in Westdeutschland nach dem Krieg - bei der Sanierung der Städte architektonisch gewütet. In der DDR gab es weit mehr angeschlagene Altbausubstanz, viel wurde restauriert und ansehnlich gemacht - nur, die Menschen ziehen weg von dort.
Das große Argument "Wir müssen die D-Mark schnell einführen, sonst laufen uns die Leute weg", zog nicht - sie sind weiterhin weggelaufen, in verstärktem Maße. Junge Menschen, unter ihnen viele qualifizierte Frauen, gehen in den Westen, Männer bleiben zurück, was auch eine Ursache für den Rechtsradikalismus ist, der in ganzen Regionen vorherrscht - das sind Ergebnisse eines schiefgelaufenen deutschen Einheitsprozesses.
Wie sieht Deutschland in 20 Jahren aus, welche Fehler gilt es zu vermeiden?
In 20 Jahren ist eine Generation dran, für die das alles Geschichte ist. Die festgeschriebenen Eigentumsverhältnisse dauern allerdings länger als 20 Jahre. Dieses Reich-Arm-Gefälle zwischen West und Ost wird also lange bestehen bleiben.
Bleibt die soziale Ungleichheit zementiert?
Ja, falls keine Maßnahmen getroffen werden. Wenn die übrig gebliebenen 15 von ursprünglich knapp 18 Millionen Einwohnern der ehemaligen DDR nicht genügend Eigentum haben, sind sie den Banken gegenüber nicht kreditwürdig. Es ist also auch nichts da, womit sie in Eigeninitiative etwas aufbauen können. Sie sind immer auf Hilfe von außen angewiesen, die tröpfchenweise kommt - und leben damit in Abhängigkeit."
Wie müsste ein Masterplan "innere Einheit" aussehen?
Der Mauerfall war ein Ereignis von solch historischer Dimension, dass nach dem Willen des Grundgesetzes eine neue Verfassung hätte erarbeitet werden müssen. Dafür gibt es aber auch andere Gründe. Wir feiern demnächst 60 Jahre Bundesrepublik, und es lassen sich Erosionsschäden in der Demokratie feststellen: Wir sehen, dass unser Parlament von der Lobby umlagert wird. Wir sehen, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sind. Wir erleben Eingriffe in bürgerliche Freiheitsrechte aufgrund der neuen Technologien. Seit wir souverän sind, sind wir mit Auslandseinsätzen geschlagen, mit Bündnisverpflichtungen, denen wir nachkommen müssen - nur im Fall des Irak-Krieges haben wir uns, dank der Regierung unter Kanzler Schröder, nicht reinreißen lassen. All das, dazu die Versäumnisse der alten DDR gegenüber - es wäre jetzt die Stunde, mit einer wirklichen Verfassungsreform uns eine neue Grundlage zu schaffen.
Was haben Sie dabei im Blick?
Auch die Erfahrungen, die wir jetzt mit der Macht der Banken gemacht haben - mit dem Finanzcrash, mit einer Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft und den Folgen. Es wäre an der Zeit, bis ins Grundgesetz hinein Regelungen festzuschreiben, die die Wiederholung einer solchen Entwicklung zumindest erschweren. Der neue amerikanische Präsident Barack Obama hat bereits erklärt, dass Hedgefonds, Ranking-Systeme und so weiter, die zu dem internationalen Desaster beigetragen haben, unter strenge Kontrolle gestellt werden sollten.
Sie fordern seit 1990 eine neue Verfassung gemäß dem Grundgesetz, eine große Verfassungsreform. Wo würde für Sie da der gesellschaftliche Gewinn stecken? Die Produktionsmittel würden ja nicht in andere Hände übergehen.
Nein, natürlich nicht. Ich will ja keine Revolution. Ich will, dass unsere Demokratie, der Erosionserscheinungen nachzuweisen sind, gründlich repariert wird. Dazu gehört, dass die Macht der Lobby eingeschränkt wird, dass die Macht der Banken, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen, eingeschränkt wird. Dass der Satz "Vor dem Gesetz sind alle gleich" mit Hilfe der Verfassung Wirklichkeit wird.
Interview geführt von Matthias und Stephanie Hoenig für dpa
Buch-Tipp
Günter Grass, "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland: Tagebuch 1990", Steidl Verlag (2009)
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