Fanny Hensel-Mendelssohn im Interpretationsvergleich
Der Nachlass der Fanny Hensel ist Bestandteil des Mendelssohn-Archivs im Staatsarchiv Berlin, dort werden ihre Autographen gesammelt. Die zwölf "Charakterstücke" sind Gesamtkunstwerk en miniature und Gemeinschaftswerk. Jede Monatsminiatur ist auf einem andersfarbigen, passend zur Stimmung der Jahreszeit ausgewählten Papier niedergelegt. Rosa, grün, lila, beige, gelb, blau.
Den Kompositionen sind kurze, von Fanny und ihrem Gatten Wilhelm Hensel verfasste Gedichte vorangestellt. Die Titelblätter der jeweiligen Monatskompositionen sind mit liebevoll von Wilhelm Hensel gestalteten Vignetten und Zeichnungen ausgeschmückt. Musik, Farbe, Zeichnungen und Gedichte bilden somit eine multimediale Einheit.
Die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard beschreibt das Phänomen folgendermaßen: dass "die Verbindung mit Zeichnungen und Texten einer gänzlich anderen Werkgestalt nicht nur nach neuen Deutungen, sondern vor allem nach neuen Aufführungsformen" verlangen würden. Fanny war experimentierfreudig. Indem der Klavierzyklus "Das Jahr" mehrere Kunstsparten kombiniert, entspricht er in typischer Weise dem Geist der Romantik.
1839. Endlich ist es soweit, die Sehnsucht erfüllt sich, das Land Mignons, wo die Zitronen blühen - Fanny hat das Goethe-Gedicht 1822 vertont - wird vom Ehepaar Hensel bereist. Auch Sohn Sebastian ist mit dabei. Ein Jahr wird die Italienreise dauern, sie zählt mit Sicherheit zu den glücklichsten Zeiten von Fanny. Den Löwenanteil des italienischen Jahres verbringen die Hensels in Rom. Fanny notiert im "Italienischen Tagebuch":
Nach der Passion erschien der Papst, und es ward eine lateinische Rede mit großem Pathos und unermesslichem Geschrei gehalten, hierauf kamen die Gebete, es wird nämlich rubrikenweise für, wirklich, Gott und die Welt gebetet, und bei jeder Rubrik beugten der Papst und die Kardinäle das Knie. Auch diese so uralte, einfache und schöne Handlung der Kreuzanbetung hat die katholische Kirche wie so manches andere zur possenhaften Äußerlichkeit heruntergesetzt und knickst wie die Weiber beim Kaffeebesuch.
Ungemein anregend für Fanny Hensel während ihres Italienaufenthalts war neben den unzähligen Reiseeindrücken die Begegnung mit anderen Künstlern. Sie traf die Preisträger des Rompreises in der Villa Medici, genoss es, in diesem freien Raum, der ihr da geboten wurde, zum ersten Mal ein richtiges Künstlerleben erleben zu können.
Diese glückliche Leichtigkeit, mit der ein Franzose alle äußeren Verhältnisse ergreift und das Leben zu behandeln weiß, hat etwas so Ansteckendes... Daß wir Deutsche immer warten! Immer den Moment verpassen! Immer zu spät kommen! Daß man doch aus seiner Zeit, seiner Familie, seinem eigenen Selbst so schwer sich erhebt. Die Sache bewegt und ergreift mich aufs Tiefste.
Ausgewählt, Mittwoch, 4. März2009, 10:05 Uhr
CD-Tipps
Fanny Hensel-Mendelssohn, "Das Jahr - 12 Charakterstücke für Klavier", Lauma Skride, Sony classical
Fanny Hensel-Mendelssohn, "Das Jahr - 12 Charakterstücke", Carlo Levi Minzi, Antes Concerto
Fanny Hensel-Mendelssohn, "Das Jahr - 12 Charakterstücke", Ulrich Urban, Koch
Keine Toren, nur Tollheit
Ein tönendes Mysterium
Paganini in Variationen
Kühn und wild
Beethovens Werke für Mandoline
Vokalquartette
Suiten von Händel
Klarinettensoli im Vergleich
Musikalische Rhapsodien
Symphonien für Paris
In darkness let me dwell
Interpretin im Vergleich mit sich selbst
Kunstlied als Volkslied
Mein Singen ist ein Rufen nur aus Träumen
"Sommernachtstraum" mit Text
Beethovens Erstes Klavierkonzert
Lässige Stücke
Marias Lobgesang
Die Entwicklung der Passacaglia
Ernst oder heiter?
Unerträglich schön
Haydns Oratorien
Max Reger
Musikalische "Poèmes"
Streicherserenade heißt nicht Kuschelklassik
Jagdmusik
Höre, Israel
Kompromisslos burlesk
Capricen als Mini-Opern
Sextette im Vergleich