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Ausgespielt?
"Am Anfang war es einfach Zeitvertreib und dann spielten auch andere Leute, die man kannte. Früher oder später ist es dann zur Gewohnheit geworden", erzählt Klaus. Heute fehle ihm als Werksstudent einfach die Zeit, um nächtelang zu spielen. Dafür setzt es sich bereits vor der Arbeit, zwischen fünf und sieben Uhr morgens, zum PC.
Dass die Spieler ihr Hobby an die Lebensumstände anpassen, sei sehr oft zu beobachten, so Margarita Köhl vom Institut für Publizistik, die gemeinsam mit Gerit Götzenbrucker den Werdegang einiger dieser Spieler im Rahmen einer Langzeit-Studie verfolgte.
Grundlegend verändert haben sich die Lebensumstände auch bei Mario. Er ist Vater geworden und spielt aus diesem Grund keine Online-Rollenspiele mehr. Zwar würde er auch heute noch gerne spielen, allerdings fehle ihm die Zeit am Stück: "Man kommt schwer spontan davon weg. Man spielt mit anderen Leuten zusammen und die verlassen sich auf dich. Es ist wie bei einem Fußballspiel."
Diesen Gruppendruck musste auch Benjamin am eigenen Leib erfahren. "Wenn einer weg ist, stirbt meistens die ganze Gruppe", erklärt er. Benjamin hat ebenfalls vor über zehn Jahren zu spielen begonnen. Am Anfang sei alles neu und man könne auch außerhalb des Spieles stundenlang darüber reden.
"Unsere Freundinnen haben damals schreiend die Flucht ergriffen", scherzt Benjamin. Für ihn hatte das Spielen allerdings auch negative Auswirkungen. Fast vier Jahre habe er durchs Spielen "verloren", sein Studienabschluss habe sich dadurch hinausgezögert. Der Zeitverlust sei vor allem am Anfang der Spielerkarriere zu beobachten, erklärt Margarita Köhl. Erst in der sogenannten "Auslaufphase" können die Spieler die Zeit wieder besser kontrollieren.
Lukas kann es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren. Für den selbstständigen Architekten ist das Spiel heute nur eine Möglichkeit von vielen, seine kostbare Freizeit zu verbringen. "Wenn es draußen schön ist, dann gehe ich Mountainbike fahren und wenn es regnet, überlege ich mir, ob ich mich vor den Computer setze", beschreibt er sein Spielverhalten.
Geändert hat sich für ihn nicht nur die Häufigkeit des Spielens, sondern auch das Spiel selbst. Ausprobiert hat er fast alle Online-Rollenspiele. Geblieben ist er letztendlich bei "EVE Online", ein Spiel, in dem man sich als Raumschiff durchs Weltall bewegt, wobei man weniger Zeit investieren müsse, um seinen Avatar weiter zu entwickeln. Auch schätzt Mario die Unberechenbarkeit dieses Spieles: "Wenn dein Raumschiff weg ist, ist es weg. Du kannst alles verlieren, das macht das Ganze ein bisschen spaßiger."
Diesen Typ von Langzeit-Spieler bezeichnet Köhl als "Anarchisten", der Regeln ablehnt. Daneben wurden in der Studie auch noch drei weitere Typen identifiziert: der Konstrukteur, der sich vor allem für die technischen Voraussetzungen der Spiele interessiert; der leistungsorientierte "ewige Spieler" und der kommunikative Rollenspieler, der gerne in andere Rollen schlüpft.
Vor allem die kommunikativen Rollenspieler seien jene, die das Spiel nutzen, um Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Dies habe sich bereits vor zehn Jahren gezeigt, wie Gerit Götzenbrucker erläutert: "Die sozialen Netzwerke der Spieler haben sich stark ausgeweitet und es gab auch damals schon weltumspannende Netzwerke." Der Ausstieg aus dem Spiel bedeute allerdings meist, dass die Spieler ihre Bekanntschaften aus den Augen verlieren.
In fünf Jahren sind die nächsten Interviews geplant. Ob die "Urgesteine der Online-Gamer-Szene" auch dann noch spielen werden? Gerit Götzenburcker ist davon überzeugt: "Ich denke schon, dass die am Ball bleiben werden. Allerdings haben sie jetzt andere Lebensphasen erreicht, sind berufstätig und haben Familie und müssen das Spiel eben besser in ihr Leben integrieren." Die "Work-Life-Game-Balance" würde für die Spieler und Spielerinnen jedenfalls zunehmend wichtiger.
Matrix, Sonntag, 19. April 2009, 22:30 Uhr
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