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Berlin ist heute eine gut gelaunte Schulden-Hochburg, die Künstler aus aller Welt anzieht. Hier kann man billig leben, die Galerienszene expandiert und musikalisch tut sich auch einiges.

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Vereint, arm, sexy?
Berlin 20 Jahre nach dem Mauerfall
Alle paar Jahrzehnte hat sich alles geändert, sei es durch Kriege, durch Revolutionen, durch den Mauerbau oder durch das Ende der DDR. 1990 verlor Berlin auch seine Subventionen, die Schatztruhe "Berlinhilfe" wurde von Helmut Kohl geschlossen. Mit den Erblasten des Kalten Krieges sollte Berlin gefälligst alleine fertigwerden.

Von der Stadtregierung wurde der öffentliche Dienst Berlins weitgehend integriert, die Gehälter zügig angeglichen, der soziale Wohnungsbau fortgeführt. "Es gab zwei Sozialismen in Berlin, einen mit weicher und einen mit harter Währung«, resümiert ein SPD-Politiker.

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Seen, Flüsse und Kanäle machen 8 Prozent des Stadtgebietes aus. 180 Kilometer Wasserwege sind mit Schiffen befahrbar. Und die Häfen Berlins werden noch intensiv genutzt.

Hoher Schuldenberg
Da nach der Wende auch noch die Wirtschaft Berlin verließ und 300.000 Arbeitsplätze in der Industrie verlorengingen, steht Berlin heute vor einem Schuldenberg. Mit über 60 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gilt Berlin heute als Sozialfall der Nation.

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Berlin ist pleite. 60 Milliarden Euro betragen die Schulden der Stadt, das ist doppelt so viel wie in vergleichbaren Städten.

In Wahlkampfreden erscheint Berlin als Totalversager, unfähig, sich selbst zu finanzieren, ein räudiger Soziologiestudent im hundertsten Semester. Dabei wurde in den letzten Jahren kräftig gespart. Zum Rückzahlen der Schulden reicht es dennoch nicht. 41 Prozent der Bevölkerung leben von Transferleistungen, dazu kommen noch jede Menge Ein-Euro-Jobs und Billig-Jobs, sodass Berlin auch als Hauptstadt des Prekariats gilt.

Zahlreiche Neuberliner
Von den 3,4 Millionen Einwohnern der deutschen Hauptstadt sind eine Million seit der Wende zugezogen. Besonders groß ist der Bevölkerungsaustausch in den Trendvierteln Mitte und Prenzlauer Berg, da wohnen in den chic renovierten Straßenzügen bis zu 80 Prozent Neuberliner.

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Der Bezirk Prenzlauer Berg wurde zu einem Eldorado für Jungeltern. Die hier ansässige Kreativszene erweist sich als fruchtbar.

Münchner, Wiener, New Yorker, Provinzler, meist Kreative und Künstler, angezogen von den niedrigen Mieten und dem Image der hippen, jungen Stadt, in der viel experimentiert wird. Die Atmosphäre im Berlin der nuller Jahre erinnere an die frühen Achtziger im damals pleitegefährdeten New York, wird oft behauptet.

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20.000 Künstler leben in Berlin. Aus aller Welt werden sie angelockt von niedrigen Mieten und niedrigen Lebenshaltungskosten. Selbst die Behörden sollen hier toleranter als andernorts sein.

Zukunftsbranche Tourismus
"Arm, aber sexy" sei die Hauptstadt, behauptete der bekennend schwule Bürgermeister Klaus Wowereit und verpasste Berlin so ein nachhaltig wirksames Branding. Schuldenhochburg ja, aber eben gut gelaunt. Die Behörden haben zwar kein Geld, drücken aber eher als anderswo ein Auge zu.

Viele Brachen, Zwischennutzungsverträge, mit denen sich jede Ruine für ein paar Jahre in einen Club verwandeln lässt. Jedes Wochenende speien Billigflieger Horden von vergnügungssüchtigen jungen Briten aus, die zu Techno-Sounds an der Spree abtanzen. Der Tourismus erweist sich in Berlin als einzige Zukunftsbranche.

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Hier entsteht das neue Berlin, die Wissenschaftsstadt in Adlershof, Deutschlands größtes Technologie- Inkubationszentrum.

Neben dem blühenden (Ex-Ost-)Berlin mit den zugezogenen Jungen gibt es aber auch die Migrantenstadt, die Türken in Kreuzberg und Wedding, viele von ihnen schlecht ausgebildet und arbeitslos. Nicht zwei-, sondern viergeteilt ist die Stadt heute, meint der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. Das alte West-Berlin, mit Wilmersdorf, Charlottenburg oder Spandau, gibt es noch und eben das alte Ost-Berlin mit Lichtenberg, Marzahn oder Hohenschönhausen, wo sich hartnäckig die Meinung hält, man sei vom Westen vereinnahmt worden.

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Der asbestverseuchte Palast der Republik wurde 2006 platt gemacht. Nun soll hier das Hohenzollern-Stadtschloss rekonstruiert werden.

Sand statt Palast
Der Palast der Republik, nach langen Jahren der Diskussion und der Provisorien, nun endgültig abgerissen. Siegerjustiz? Domestizierte Moderne und DDR-Utopie war der asbestverseuchte "Palazzo di Protzo", der als Parlamentsgebäude diente, aber auch Mehrzweckhalle, Gemäldegalerie, Bowlingbahn, Jugendclub und 13 Gastronomiebetriebe beherbergte.

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Der nördliche Teil des Karl-Marx-Platzes heißt wieder Lustgarten, der südliche Teil Schlossplatz.

Er muss einer Rekonstruktion des alten Hohenzollerschlosses, das die DDR-Regierung einst sprengte, weichen. Franco Stella hat den Neubau entworfen, der als Zugeständnis an moderne Zeiten auf einer Seite eine moderne Fassade haben wird. Von einer Attrappe war da bald die Rede, von einer Mogelpackung statt echter, neuer nationaler Identität.

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Die Swinemünder Straße war einst durch die Mauer getrennt. Heute ist die Mauer immer noch da - in den Köpfen.

Nur noch Bruchstücke
Nach Ansicht der Palast-Anhänger haben sich Kreise durchgesetzt, die keine Erinnerung an 40 Jahre teildeutscher Geschichte stehen lassen wollen. Von den 155 Kilometern Mauer ist im Zentrum gar nichts mehr zu sehen, sehr zum Bedauern der Touristen. Ganze 1,5 Kilometer stehen noch an verschiedenen abgelegenen Orten in Berlin.

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Touristen sind oft enttäuscht, dass von der einst 168 Kilometer langen Mauer so gut wie nichts mehr erhalten ist. An der Bernauer Straße wurden ein Dokumentationszentrum und eine Gedenkstätte eingerichtet.

Immerhin kann man seit Mai des Vorjahres Minicomputer ausleihen, die eine GPS-gesteuerte Führung entlang der ehemaligen Mauer ermöglichen. Weder ein Gedenkort für die erschossenen Republikflüchtlinge noch für die erste geglückte Revolution in Deutschland ist errichtet worden. Kein Platz, keine Straße wurde bisher nach den Helden von 1989 benannt.
Text: Wolfgang Ritschl
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