Ein DDR-Stück in fünf Akten
Der Schauspieler Thomas Lawinky hat sich im März 2006 aus freien Stücken zu seiner Stasi-Vergangenheit bekannt. Seit langem schon habe er dieses Bedürfnis gehabt, erzählt Lawinky. Und sich vorgestellt wie er, etwa bei einer Preisverleihung in der Filmbranche die Gelegenheit dazu erhalten würde, "mal tabula rasa zu machen".

Martin Schwab als Fjodor Pawlowitsch Karamasow, Thomas Lawinky als Smerdjakow und Joachim Meyerhoff als Iwan Fjodorowitsch Karamasow in Dostojewskijs „Die Brueder Karamasow".
Die Gelegenheit kam anders als gedacht, in Form eines Theaterskandals. Bei einer Premiere von Eugène Ionescos "Das Große Massakerspiel" am Schauspiel Frankfurt stieg Lawinky von der Bühne in den Zuschauerraum und entriss Gerhard Stadelmaier, dem Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seinen Notizblock, um daraus vorzulesen. Dieser sah die Freiheit der Presse bedroht, stellte eine Klage in Aussicht und erwirkte die umgehende Entlassung des "Bühnenrowdies" aus dem Ensemble.
Als "Spiralblockaffäre" beschäftigte der Vorfall die deutschen Medien einige Wochen lang. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung nützte Thomas Lawinky seine kurzfristige Berühmtheit und legte das offen, was er in Freundes- und Theaterkreisen schon seit vielen Jahren "jedem erzählt hatte, der es hören wollte" - dass er als "Inoffizieller Mitarbeiter" mit Decknamen "Beckett" der Staatssicherheit Informationen zugetragen hatte.
Sein Outing wurde widersprüchlich aufgenommen, sagt Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin, der Lawinkys Lebensgeschichte 2007 in dem Stück "Mala Zementbaum" verarbeitet hat. "Viele dachten, und denken immer noch, dass er ein Selbstdarsteller ist, der seine Stasi Vergangenheit ins Spiel brachte, um auf der höchsten Welle des Interesses noch ein Stück weiter zu schwimmen. Ich glaube, dass da ein Teil davon richtig ist, dass es aber auch eine zweite Wahrheit gibt, nämlich die, dass er durch die Unterstützung, die er während der Spiralblockaffäre von vielen Seiten erfahren hat, sehr aufgewühlt war und erst in diesem Augenblick in der Lage dazu war, das auch zu sagen.”
Lawinky selbst findet es rückblickend bedenklich, dass sein Outing in der öffentlichen Wahrnehmung "längst nicht soviel Gewicht habe wie der lapidare Skandal mit dem Spiralblock”. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall rollt er in den "Hörbildern” noch einmal seine Lebensgeschichte auf - den sonderbaren Weg, der ihn aus einer Siedlung am Stadtrand von Magdeburg ins "Durchgangsheim für Schwererziehbare" in Bad Freienwalde führte; von der ostdeutschen Punk- und Skinheadszene in die Nationale Volksarmee; von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg an die Sets von "Tatort" und "Polizeiruf"; und zuletzt vom Wiener Burgtheater nach Leipzig, wo er unter seinem "Leib- und Magenregisseur" Sebastian Hartmann am Centraltheater spielt.
Wieviel Lawinky von seinen Verstrickungen in die Zersetzungsmechanismen des DDR-Regimes zugibt, bleibt ungewiss. Als Grundwehrdiener, so erzählt er, habe er einen Kameraden an die Stasi verraten hat, der daraufhin drei Monate in Neubrandenburg einsaß. Manches andere wolle er noch nicht sagen. Er deutet jedoch an, dass der Weg den er eingeschlagen hätte, hätte die DDR weiter bestanden, ihm Sorge bereitet.
Die Wahrheit müsse man immer wieder von neuem ansehen und umdrehen, meint Armin Petras - sie ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen wird. Ein Recht auf Vergessen kann es schon deshalb nicht geben.
Hörbilder, Samstag, 6. Juni 2009, 9:05 Uhr
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