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Traditionell dokumentierten Hilfsorganisationen Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung. Zeugen, die davongekommen sind, sagten vor Tribunalen aus. Doch nun können Verstöße gegen die Menschenrechte mit objektiven, wissenschaftlichen Methoden dokumentiert und überprüft werden.
Die neuen Waffen der Menschenrechtsermittler
Wissenschaft im Dienste der Menschenrechte
"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", erklärt Christoph Zöttl von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Washington, "wir hatten ein Satellitenbild von 2002 und eines von 2006. Und 2006 war die Stadt zerstört, sie war einfach ausradiert."

(c) Amnesty International
Die Stadt Porta Farm in Simbabwe, fotografiert von einem Satelliten.

Die Geschichte von Porta Farm, einer ehemals florierenden Siedlung mit 10.000 Einwohnern und Einwohnerinnen in Simbabwe, in Ostafrika, war der Testfall. Das war das erste Mal, dass Amnesty International Satellitenbilder benützte, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren.

Von Kenia bis Burma, von Darfur bis Südossetien - Menschenrechtsorganisationen setzen zunehmend auf Bilder aus dem All. Damit lassen sich die vor Ort gesammelten Berichte objektiv untermauern. Doch die verstärkte Nutzung von Satellitentechnologie ist nur das - wegen der eindrucksvollen und medienwirksamen Bilder - markanteste Zeichen eines allgemeinen Trends: der Annäherung von Wissenschaft und Menschenrechten.

Die größte Wissenschaftsorganisation der Welt, die Amerikanische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft, die auch die Fachzeitschrift "Science" herausgibt, fördert diese Entwicklung und arbeitet aktiv mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch zusammen.

(c) Amnesty International
"Und auf einmal war die ganze Stadt einfach weg, aus politischen Gründen ausradiert", erklärt Christoph Köttl von Amnesty International.

Satellitenaugen auf Darfur
Jeder weiß mittlerweile von den schweren Menschenrechtsverletzungen in der westsudanesischen Region Darfur. Das US Außenministerium hat mit Hilfe von Satellitenbildern dokumentiert, welche Dörfer in Darfur zerstört worden sind. Durch die Aussagekraft der Satellitenbilder ermutigt, hat Amnesty International 2007 die Initiative "Eyes on Darfur" ins Leben gerufen.

Hier wurden lediglich 12 Dörfer gezeigt. "Wir haben 12 Dörfer identifiziert, von denen wir glauben, dass sie aus taktisch-strategischen Gründen gefährdet sind", erklärt Scott Edwards, der Satellitenexperte für Amnesty International. "Wir haben diese in intaktem Zustand abgegebildet und der sudanesischen Regierung mitgeteilt, sie möge sich unsere Internetseite anschauen. Wir haben erklärt, dass wir diese 12 Dörfer beobachten und gefordert, dass die Regierung die Janjaweed-Milizen entwaffnet, wie es die UNO-Resolution verlangt. Was auch immer geschieht: Wir sind wachsam. Nun, eineinhalb Jahre später sind zwei Dörfer angegriffen, jedoch nicht zerstört worden. In Darfur muss man so etwas leider als Erfolg betrachten."
Alles eine Kostenfrage
Wie oft die Satelliten tatsächlich Fotos dieser 12 Dörfer aufnehmen, verrät Scott Edwards nicht. Das ist letztlich auch eine Kostenfrage. Archivbilder kosten nur zehn Dollar pro Quadratkilometer. Kaufen muss man jedoch mindestens 25 Quadratkilometer, was insgesamt also 250 Dollar ausmacht. Der Preis steigt dramatisch, wenn eine Organisation aktuelle Bilder einer Region bestellt: Pro Bild sind 2.000 Dollar zu bezahlen.

Das bedeutet, man muss sich gut überlegen, wovon man wieviele Bilder bestellt, meint Lars Bromley. Er arbeitet bei der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft und leitet das Satellitenprogramm. Darfur ist immerhin so groß wie Frankreich: "Wir haben einmal ausgerechnet: Wenn man Darfur von links bis rechts, von oben bis unten abbilden will, kostet das sieben Millionen Dollar. Und um diese sieben Millionen bekommt man nur eine einzige Momentaufnahme. So etwas können sich Staaten oder Großunternehmen leisten. Wir haben dafür nicht genug Geld."
Mit DNA-Tests auf der Suche nach Verschleppten
Auch die Naturwissenschaften haben zu wesentlichen Forschritten in der Gerichtsmedizin und in der Kriminaltechnik beigetragen, wie etwa der Spurensuche oder Spurenanalyse. Diese neuen Methoden gehören auch zum Rüstzeug von Menschenrechtsermittlern.

Tote in Massengräbern oder verschleppte Kinder können etwa mit Hilfe von DNA-Tests identifiziert werden. In diesem Bereich engagiert sich die Organisation "Ärzte für Menschenrechte". Die US-amerikanische Organisation ist nach wie vor führend daran beteiligt, in El Salvador Kinder auf der Basis von DNA-Information mit ihren Eltern zusammenzuführen.

Während des Bürgerkriegs in den 1980er und 90er Jahren verschwanden hunderte Kinder. Sie wurden von der salvadorianischen Armee systematisch entführt. Viele Kinder wurden dann in Europa oder in den USA adoptiert.

"Ein amerikanischer Pathologe ist damals nach El Salvador gereist, erzählt Susannah Sirkin, Vizedirektorin der Organisation, "er hat mit einer lokalen Organisation zusammengearbeitet, die Dorfbewohner gebeten hat, sich Blut abnehmen zu lassen. Wir haben auf Grund dessen viele Kinder identifiziert. Das Projekt gibt es nach wie vor. Und es gibt noch immer vermisste Kinder, die nun bereits um die 20 Jahre alt sind. Doch jetzt brauchen wir für die Analyse des Erbgutes von den Leuten nur ein bisschen Speichel. Das vereinfacht die Arbeit sehr."
In die Menschenrechtszukunft schauen
Scott Edwards von Amnesty International hofft, mit wissenschaftlichen Methoden auch präventiv wirken zu können. "Wir könnten Systeme zur automatischen Datensammlung benützen, um nach bestimmten Schlüsselfaktoren zu suchen, die Menschenrechtsverletzungen signalisieren."

Hätte man etwa 1993 bereits Webcrawler-Suchprogramme gehabt, die die Verhetzungstiraden auf Radio Ruanda erfasst hätte, so wäre die internationale Gemeinschaft über die aufziehende Gefahr vorgewarnt gewesen, ist er überzeugt. "Wenn es schon halbwegs treffsicherer Vorhersagen bei Krankheitsausbrüchen und beim Wetter gibt", meint Scott Edwards, "müsste es doch möglich sein, auch bei Menschenrechten zumindest ein bisschen in die Zukunft zu schauen."
Text: Madeleine Amberger
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