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Krise zum Vierziger
Dazu kommt, dass die Männer langsam, aber stetig weiblicher werden. Ab 40 neigt der männliche Körper zu einer erhöhten Produktion von Östrogen. Auch das ein Grund dafür, dass die Hüften immer runder werden. Die deutsche "Nationale Verzehrstudie" aus 2008 zeigte, dass gut 50 Prozent der Männer zwischen 30 und 39 Jahren als übergewichtig gelten, aber bereits 70 Prozent der 40- bis 49-jährigen.
Bei den Frauen sieht es nicht viel besser aus. Knapp die Hälfte der 40- bis 49-jährigen gilt als zu dick. Ab dem 35. Lebensjahr verlieren die Frauen jährlich 140 bis 170 Gramm Muskelmasse. Ab 40 wird's dann noch schlimmer. Bei Frauen wird verstärkt Knochenmasse abgebaut und das Hormongleichgewicht verschiebt sich. Wenn wundert es da noch, dass 40-Jährige nicht mehr gar so viel Lust auf Sex haben als Jüngere?
Tatsächlich haben Männer im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren den höchsten Testosteronspiegel, also am meisten Lust auf Sex. Danach sinkt der Level. Bei den 35- bis 40-Jährigen liegt er bei etwa sechs Nanogramm pro Milliliter, also nur noch am unteren Bereich der empfohlenen Bandbreite von sechs bis acht Nanogramm. Ab vierzig halbiert sich auch deshalb die Sex-Rate bei Männern.
40 ist auch das Alter, ab dem schön langsam die chronischen Krankheiten auftauchen. Ohrensausen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne. Und die ganz Unglücklichen erleiden mit 42 schon ihren ersten Herzinfarkt.
Aber nicht nur im Bereich des Körpers merkt der beziehungsweise die 40-Jährige, dass es nicht mehr so ist, wie es früher einmal war. Auch auf der Beziehungsebene hat sich einiges verändert. Wer in dem Alter noch oder wieder Single ist, weiß: Nun wird es mühsam. Um einen herum sind alle in Beziehungen. Aber – und hier macht Volker Marquardt allen Einsamen Hoffnung: Ab 40 trennen sich viele Paare wieder; die Chancen, eine neue Liebe zu finden, steigen. Aber noch ein Aber: Die Liebe mit 40 ist nicht mehr so wie jene mit 20. Auf allen Gebieten sind die 40-Jährigen nämlich pragmatisch geworden. Auch auf dem Feld der Emotionen.
Wer mit vierzig in einer Beziehung lebt, macht nicht mehr so schnell Schluss wie mit zwanzig oder mit 35 Jahren - schließlich steht ja einiges auf dem Spiel. Gerade mit 40 gibt es die Sehnsucht danach, endlich angekommen zu sein. Auch steigen unsere Chancen auf dem Beziehungsmarkt nicht gerade, dafür genügt manchmal schon ein Blick in den Spiegel. Deshalb verschieben Vierziger eher ihre Perspektive, sie korrigieren ihre Ansprüche etwas nach unten.
Das ist laut Volker Marquardt überhaupt eine der wichtigsten Voraussetzungen, um in Beziehungen glücklich zu sein: Nicht zu viel vom anderen zu erwarten. Und das können 40-Jährige besser als Jüngere. Auch weil sie wissen, dass Beziehung vor allem Arbeit ist. Die Bedürfnisse der eigenen Kinder mit jenen der Kinder der Zweit- oder Drittfrau in Einklang zu bringen und dabei noch auf sich selbst und den oder die Liebste zu achten; das verlangt Disziplin und Selbstaufgabe. Moderne Beziehungen seien vor allem Verhandlungssache, meint Volker Marquardt.
Dieses Ringen um ein Gleichgewicht in der Beziehung äußert sich besonders im Haushalt. Dieser wird zum zentralen Ort im Geschlechterkampf.
Tatsächlich scheint Putzen, Bügeln, Spülen, Aufräumen und Einkaufen bei Vierzigern Konfliktstoff Nummer eins in Beziehungen zu sein. Während sich die zehn Jahre älteren noch um Frauenquoten gestritten haben, ist die Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen bei uns ins Private verrutscht, genauer gesagt: in die Küche. Es scheint, als ob die Ausgewogenheit zwischen Mann und Frau oder die Qualität einer Beziehung bei manchen Paaren in unserem Alter daran gemessen wird, ob beide gleich häufig die Spülmaschine anwerfen oder den Boden wischen.
Natürlich gibt es auch Vorteile, wenn man 40 Jahre alt ist. Man sieht vieles gelassener, ist Realist und hat sich damit abgefunden, wohl doch nicht mehr Weltmeister oder Popstar zu werden. Marquardt hat in seinem ebenso klugen wie unterhaltsam geschriebenen Buch noch 40 weiter Gründe gefunden, warum "wir froh sein können, vierzig zu sein." Dass man mit 40 im Job endlich ernst genommen werde, führt der Autor ebenso an wie die Tatsache, dass wir uns in Krisen nicht mehr betrinken. Wir sagen Sätze wie "Krisen sind eine Chance" und glauben mitunter sogar daran. Und dann natürlich das Wichtigste: Der schlimmste Geburtstag liegt bereits hinter uns.
Das glauben wir zumindest heute, aber wir sind ja auch noch keine fünfzig.
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Volker Marquardt, "Halbzeit. Was mit 40 wirklich zählt", Rowohlt
Link
Rowohkt - Halbzeit
Above Zero
Abschied von Mona Lisa
Armut in einem reichen Land
Aufstieg und Fall des Kommunismus
Bazar statt Börse
Being Nikolaus Harnoncourt
Das Buch gegen Nazis
Das glücklichste Volk
Das Zeitalter des Undenkbaren
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