Ein Kanon zu viert
Hören Sie in unserem Audio eine legendäre Aufnahme des Jahres 1978 (Lucia Popp als Marzelline, Gundula Janowitz als Leonore, Manfred Jungwirth als Rocco, Adolf DAllapozza als Jaquino, das Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent Leonard Bernstein), danach dasselbe Quartett in einer Fassung für Streicher eines anonymen Beethovenzeitgenossen, die Textlosigkeit ermöglicht uns, die Textur des Kanons genauer wahrzunehmen, die alles beherrschende "wunderliche" Stimmung losgelöst von den Problemen und unterschiedlichen Emotionen der Charaktere.
In diesem Quartett wird ein Text gesprochen, der im Grunde mit der Musik nichts zu tun hat. Jede der vier Personen spricht ja einen anderen Text - steht völlig anders zum Geschehen - zur selben Musik. Meiner Meinung nach ist "wunderbar" das die Musik bestimmende Wort. Wir sagen heute wunderbar, wenn etwas sehr schön ist; aber wunderbar ist ja alles, worüber man sich wundert, was unbegreiflich ist. Ich glaube, jeder Mensch empfindet schon im Vorspiel mit den tiefen Streichern, dass hier Unbegreifliches geschieht. Die Figuren verwandeln sind.
Nikolaus Harnoncourt
Das Sprachverständnis zu Beethovens Zeiten war ein anderes als heute, Wunderbar ist mehr in Richtung "mir ist so wunderlich" zu denken oder "seltsam". Der springende Punkt: etwas verwandelt sich im Inneren. Und den entscheidenden Anteil hat die Musik, und ist es nicht darum, dass es jedes Mal wieder bewegend sein kann, in die Oper zu gehen, ins Konzert, wegen der inneren Verwandlung?
Es gibt ein zweites vokales Quartett in Beethovens Oper "Fidelio", drei Männer und eine als Mann verkleidete Frau, Quartett Don Pizarro-Florestan-Leonore-Rocco. Viermaliges Aufeinanderprallen von Gefühlen am dramatischen Höhepunkt des Singspiels: Auf ein Zeichen Roccos erscheint Pizarro, bereit zum Mord. Bevor er den Dolch zieht, gibt er sich Florestan zu erkennen. Im letzten Augenblick wirft sich Leonore schützend vor Florestan und gibt sich als seine Frau zu erkennen. Seinen Dolch pariert sie mit einer Pistole - da ertönt das Trompetensignal vom Turm, das die Ankunft des Ministers anzeigt. Pizarro und Rocco eilen nach oben. Leonore und Florestan sinken sich in die Arme.
Und wieder ist eine Verwandlung geschehen. Amor vincit omnia. Mag's in der Rahmenhandlung um Unterdrückung, Gefängnis, Befreiung, Geldgier und Machtgelüste gehen, die eigentliche Handlung, die eigentliche Befreiung findet bei Beethoven hier statt, in Gestalt einer liebenden Frau, die zu allem bereit ist.
Ausgewählt, Mittwoch, 14. Oktober 2009, 10:05 Uhr
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