Das Ende des Kommunismus
So berichtet der mexikanische Autor Jorge Volpi in seinem neuen Roman "Zeit der Asche" von fünf ganz verschiedenen Frauen, die sich alle mit den großen Umwälzungen und Katastrophen der letzten Jahrzehnte auseinandersetzen müssen.
Da ist Jennifer, die kalte Karrierefrau aus den USA, die keine Kinder bekommen kann und sich daher in ihre Arbeit beim Internationalen Währungsfonds stürzt. Da ist ihre aufsässige Schwester Allison, die sich für Umweltschutzbewegungen und alternative Projekte engagiert und schließlich ihr Leben in den Palästinensergebieten verliert.
Da ist Èva Halász, einst das hochintelligente Wunderkind aus Ungarn, später Expertin für Computernetzwerke und künstliches Leben, die eine Bioinformatik-Abteilung in Maryland leitet und ihre innere Leere durch ständig wechselnde Affären auszufüllen sucht. Da ist die sowjetische Biologin Irina, deren Mann als Dissident verhaftet wird und die gleich zu Beginn des Buches ins Leichenschauhaus gerufen wird, um dort ihre Tochter Oksana zu identifizieren. Und da ist Oksana selbst, die die Welt um sich herum als feindselig empfindet und sich in Kunst und Poesie flüchtet. Gerade für sie hat Jorge Volpi eine besondere Schwäche:
"Sie ist die zerbrechlichste, sensibelste Figur im ganzen Roman, sie hat nichts mit Politik zu tun, sie ist ein Teenager als die Sowjetunion zerbricht und versteht nicht, was mit ihr und mit der Welt passiert."
Anhand dieser fünf Frauenfiguren, deren Geschichten lose miteinander verknüpft sind, entwirft Volpi ein gewaltiges Panorama, das sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Den Ereignissen und Umwälzungen dieser Zeit - der Katastrophe von Tschernobyl, dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder dem Fall der Berliner Mauer - stellt er die privaten Gefühle seiner Protagonistinnen entgegen: Jennifers hilflose Wut, Oksanas Verträumtheit oder Allisons Begeisterung für alles Ursprüngliche.
Und dann gibt es da noch einen Erzähler, Yuri Michailowitsch Tschernischewski, Journalist, Abenteurer und schließlich der Mann, der seine Geliebte Éva umbringt und sich vor einem Gericht in Maryland verantworten muss. Aber Yuri ist ein seltsamer Erzähler, der über lange Strecken verschwindet und eigentlich fast so etwas wie eine Nebenfigur zu sein scheint - ein Spiel, das Jorge Volpi mit dem Leser treibt.
"Über viele Seiten hinweg denkt man, dass dies ein Roman ohne eigentlichen Erzähler ist", so Volpi. "Aber dann taucht er auf und wir erfahren, dass die Geschichte, die wir bis dahin gelesen haben, keine unschuldige Geschichte ist. Es ist eine Geschichte, die von einem schuldigen Menschen erzählt wird. Denn das 20. Jahrhundert ist in vielerlei Hinsicht voller Schuld. Daher wollte ich diese Metapher benutzen, um eine Geschichte über das 20. Jahrhundert zu erzählen."
Es ist keine leichte Kost, die Volpi seinen Lesern diesmal auftischt. Er habe sich Tolstois "Krieg und Frieden" zum Vorbild genommen, sagt der Autor selbst freimütig - und tatsächlich ist "Zeit der Asche" ähnlich voluminös, ähnlich gewaltig im Anspruch, durchsetzt von politischen Erklärungen, wirtschaftswissenschaftliche Erläuterungen, Exkursen in den Kaukasus und in die Palästinensergebiete.
Dazu kommt Volpis Begeisterung für die Wissenschaft, die immer wieder durchschlägt - nicht umsonst arbeiten zwei seiner Protagonistinnen als Wissenschaftlerinnen. "Für mich ist die Wissenschaft nicht nur faszinierend, sondern ein Teil unserer Kultur", meint Volpi. "Daher habe ich entschieden, dass zwei Frauen Wissenschaftlerinnen sein sollten. (...) Ich wollte nicht nur das düstere Panorama des 20. Jahrhunderts darstellen, politisch und wirtschaftlich, sondern auch die wunderbare Geschichte des Humangenom-Projekts."
In seiner Komplexität, in seinem globalen Anspruch ist Volpis Buch tatsächlich ein gewaltiges, beinahe beängstigendes Werk: Der Autor ist seit seinem Wissenschaftsthriller "Das Klingsor-Paradox" einen weiten Weg gegangen. Und dennoch: Manchmal erscheint "Zeit der Asche" fast zu komplex, zu sehr bemüht, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Es ist ein mächtiger Abgesang auf eine Ära, in den Volpi alles verpackt hat, was ihm wichtig erschien - und es erscheint dem Autor fast ironisch, dass dieser Abgesang womöglich gerade zum Ende einer weiteren, wenn auch sehr viel kürzeren Ära erschienen ist:
"Es ist erstaunlich, dass dieses Buch über das Ende des Kommunismus und den Triumph des Kapitalismus gerade jetzt veröffentlicht wird, und bald auch in den Staaten. Als ich mit dem Buch begann, war es unmöglich, sich das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, vorzustellen, und jetzt ist es ein Buch über das Ende des Kommunismus, das veröffentlicht wird, während wir möglicherweise das Ende dieses Kapitalismus beobachten."
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr
Buch-Tipp
Jorge Volpi, "Zeit der Asche. Roman in drei Akten", übersetzt von Catalina Rojas Hauser und Kirstin Bleiel, Klett-Cotta
Link
Klett-Cotta - Jorge Volpi
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