Das deutsche West-Ost-Gefälle
Zurück blieben die Älteren und schlecht Ausgebildeten, wie Annegret Müller. Sechs Mal verlor die gelernte Verkäuferin seit der Wende ihren Arbeitsplatz. Jetzt, mit 53, lebt sie von Hartz IV, der Sozialhilfe für Langzeitarbeitslose. Weil der kaufkräftige Mittelstand weggezogen ist, mussten die meisten der Geschäfte zusperren. "Die Stimmung hier ist ganz schlecht", sagt die 53-Jährige, "am Monatsanfang sind die Läden noch voll, aber ab dem 10., 15. haben die Leute kein Geld mehr."

Von einer wirtschaftlichen Gleichstellung zwischen Ost- und Westdeutschland kann keine Rede sein.
Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit", versprach bei der deutschen Wiedervereinigung, in der ehemaligen DDR für wirtschaftlich blühende Landschaften zu sorgen. Von der prognostizierten Angleichung der ökonomischen Verhältnisse in Ost und West ist heute wenig geblieben: 1,5 Millionen Menschen sind arbeitslos, viele Regionen leiden unter wirtschaftlichem Abschwung und Abwanderung.
In einem kürzlich vorgestellten Armutsatlas des deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes liegen die fünf neuen Bundesländer und Berlin im Spitzenfeld einer Armuts-Rangliste. Im Westen nimmt lediglich der Stadtstaat Bremen einen oberen Rangplatz ein. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Im Osten lebt demnach jede fünfte Person an oder unter der Armutsgrenze.
In manchen Regionen Ostdeutschlands - etwa im Kreis Demmin - liegt die Armutsquote bei 27 Prozent - beinahe ein Drittel der Bevölkerung kann hier als arm bezeichnet werden. Ein Aufschwung ist nicht in Sicht. Bald wird jeder zweite Bewohner der Region das 60. Lebensjahr überschritten haben. Der Mittelstand ist abgezogen oder verliert durch Arbeitslosigkeit an Kaufkraft. Es sind unter anderem die hohen Einkommensunterschiede, die seit der Wende fast zwei Millionen Menschen aus den neuen Bundesländern in den Westen gezogen haben.
Durch Westwanderung und Rückgang der Geburtenrate wird der Osten Deutschlands bis 2020 um eine weitere Million Menschen schrumpfen. Weil es vornehmlich die Hochqualifizierten sind, die dem Osten den Rücken kehren, verliert Ostdeutschland auch an Attraktivität für neue Betriebsansiedlungen. "Wenn sich der Osten weiter vom Westen Deutschlands entfernt, droht die Verödung ganzer Landstriche", warnt Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Auch der Osten hat seine Boom-Zentren. So konnten sich etwa die Städte Dresden, Potsdam und Jena wirtschaftlich so gut entwickeln, dass sie heute zu den Top 20 der Bundesrepublik gehören. Im Vergleich zur Mangel-Wirtschaft des DDR-Staates ist der Lebensstandard im gesamten Osten deutlich gestiegen. So sieht sich auch - trotz Armut und Arbeitslosigkeit - die Hälfte der Ostdeutschen als Gewinner der Einheit, während sich immer mehr Westdeutsche als die eigentlichen Verlierer sehen.
"Die Westdeutschen merken, dass sie in der Transferfalle sitzen", sagt Daniela Dahn, Schriftstellerin und Mitbegründerin der DDR-Oppositionsgruppe Demokratischer Aufbruch: "Man hat die Einheit so organisiert, dass das jetzt eine Gegend ist, die sich selbst nicht ernähren kann". Über 1,5 Billionen Euro aus dem Westen sollen nach Berechnung diverser Wirtschaftsinstitute bereits in den Osten geflossen sein. Dass die Region innerhalb der nächsten Jahre wieder auf die Beine kommt, ist mehr als fragwürdig. Die Lücke zwischen Ost und West wird - 19 Jahre nach der Wiedervereinigung - wieder größer.
Journal Panorama, Montag, 2. November 2009, 18:25 Uhr
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