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Tschechow'sche Melancholie
Alix ist eine schöne, kinderlose Frau von Anfang, Mitte vierzig, hypersensibel und etwas kapriziös. Drei Männer umkreisen sie wie Trabanten. Da ist Jan, ihr Mann, der seine Eltern früh bei einem Autounfall verlor. Da ist Jans Freund Anton, ein Single-Arzt mittleren Alters, der immer noch auf der Suche ist nach der großen Liebe seines Lebens. Und da ist Bernd, der schwule Buchhändler, der Jan vor 20 Jahren in einer Kreuzberger Kneipe kennengelernt hat. Die vier bilden eine Art Freundschafts-Quartett; eine Zeitlang hat man sogar erwogen zusammenzuziehen. Daraus ist nichts geworden.
Dafür trifft man sich seit zwei Jahrzehnten Sonntag für Sonntag bei Alix' Eltern in Zehlendorf, man isst zu Mittag und spaziert dann zusammen um den Schlachtensee im Grunewald. Ein wärmendes Ritual, das allen Beteiligten eine Art Heimatgefühl gibt.
Katharina Hacker hat einen kunstvollen Patchwork-Roman geschrieben, ein versiert produziertes Textnetzwerk mit lose verknüpften Erzählfäden. Ihre Hauptfiguren, etablierte Forty-Somethings von heute, müssen erkennen, dass einige ihrer Lebensträume unerfüllt bleiben.
Das war dieses Lebensalter, die Mitte des Lebens - man strich Sachen aus, eine nach der anderen, und anders als erwartet war das Problem keineswegs die Leere oder dass man nicht mehr leben wollte, sondern im Gegenteil diese zunehmende Begierde, diese Neugierde, diese ängstliche Liebe. Und auf eine verrückte Weise war etwas an dieser Liebe und Neugierde zutiefst abstrakt.
Abstrakt kommt auch Hackers Roman daher, so plastisch und elegant die Autorin die einzelnen Szenen, aus denen ihr Roman sich zusammensetzt, auch zu gestalten versteht.
Von einem guten Dutzend Menschen erzählt Katharina Hacker: Außer Alix und ihren Freunden lernen wir auch Alix' Eltern, den türkischen Gemüsehändler Ahmed und eine vietnamesische Restaurantbesitzer-Familie aus Berlin-Zehlendorf kennen. Aber seltsam: Alle diese Figuren scheinen wie unter einem Glassturz zu agieren. Man kommt ihnen nicht wirklich nahe während der Lektüre, und nach spätestens 80, 90 Seiten beginnt man sich zu fragen: Was um Himmels willen will uns die Autorin da eigentlich erzählen? Was ist der Plot? Sämtliche Charaktere agieren gleichberechtigt, eine Unterscheidung in Haupt- und Nebenfiguren nimmt die Autorin nicht vor, was dem Leser, der Leserin die Orientierung nicht eben erleichtert.
Über all dem hängt eine Tschechow'sche Melancholie, von der auch Alix' greise Eltern nicht ausgenommen sind. Clara, 78, und Heinrich, 80, führen eine leidlich funktionierende, innerlich längst erloschene Ehe. Vater Heinrich, Oberstaatsanwalt in Ruhe, verkörpert den Typ des kalten, emotional blockierten, preußischen Beamten. Tochter Alix hat er nie wirklich geliebt, und seine Frau Clara, nun ja...
Das Begehren lag weit zurück, aber sie waren ein gutes Paar alles in allem, obwohl sie einander kaum noch nahe waren. Es gab einen Zusammenhalt. Sie würden gemeinsam in dem Haus bleiben, bis einer von ihnen starb.
Die einzelnen Sachen ließen sich nicht mehr trennen, Beruf, Ehe, die Tochter, alles war in eins geraten, wenn er zurückdachte, und das war es, was ihn ebenso zufrieden wie unruhig sein ließ. War da noch ein Rest? Ein Lebensrest? Und wenn ja, wozu diente er? Gab es noch eine Aufgabe?
Es gibt eine Aufgabe, denn am Ende des Romans werden die Karten noch einmal neu gemischt: Der pensionierte Oberstaatsanwalt wird der vietnamesischen Gastronomin näher kommen – altes Herz wird wieder jung -, und Anton, der melancholische Arzt-Single, lernt eine partnersuchende Berufskollegin ähnlichen Alters kennen, Alleinerzieherin und äußerst patent. Passenderweise brechen gerade jetzt im märzmilden Berliner Vorfrühling die Forsythienknospen auf in Zehlendorfs Vorgärten.
Katharina Hacker hat einen formal ambitionierten Roman vorgelegt, einen Roman, dessen Entwicklung sich - auch satztechnisch interessant - in zwei getrennten Textspalten vollzieht. Über die Gestaltung des Schriftbilds hat sich die Autorin denn auch mit dem Suhrkamp Verlag überworfen. In Katharina Hackers Manuskript sind beide Spalten gleich breit und in gleich großer Schrift gesetzt. Suhrkamp hat daraus einen Haupttext und eine kleiner gesetzte Marginalspalte gemacht, trotz energischer Proteste der Autorin. Auf diese Weise entsteht nicht der Leseeindruck parallelen Erzählens, sondern der einer Haupthandlung, die links und rechts von Anmerkungen umsäumt wird. Eine grobe Verfälschung, die den Intentionen der Autorin zuwiderläuft. Man fragt sich, wie ein renommierter Verlag wie Suhrkamp - dereinst berühmt für seinen respektvollen Umgang mit Autorinnen und Autoren - sich derart unverschämt über den Willen einer Schriftstellerin hinwegsetzen kann, die 2006 immerhin den "Deutschen Buchpreis" gewonnen hat.
Katharina Hacker hat ihre Konsequenzen aus der Affäre gezogen. Die Fortsetzung von "Alix, Anton und die anderen" - dem ersten Teil eines offenbar umfangreicheren Romanzyklus - wird nächstes Jahr bei S. Fischer erscheinen.
Ob das Konzept des Patchwork-Romans, bei dem sich der geforderte Leser die einzelnen Handlungsteile selbst zusammenpuzzeln muss, ob dieses Konzept über längere Strecken hinweg funktionieren kann, darüber wird man wohl erst nach dem Erscheinen der Fortsetzungen von "Alix, Anton und die anderen" Auskunft geben können.
Hör-Tipps
Das Buch der Woche, Freitag, 20. November 2009, 16:55 Uhr
Ex libris, Sonntag, 22. November 2009, 18:15 Uhr
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Buch-Tipp
Katharina Hacker, "Alix, Anton und die anderen", Suhrkamp Verlag
Links
Suhrkamp - Katharina Hacker
Suhrkamp - Leseprobe "Alix, Anton und die anderen" (PDF)
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