Freitag, 4. März 2005
16:55 Uhr
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Ex libris
Sonntag, 6. März 2005
18:15 Uhr
"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse
Wien heute

Der Tatort des Geschehens ist Wien.
Auf total wichtigen Partys treibt sich N. mit seinem besten Freund, dem Künstler Paul, herum. In ist, zu wissen, welche Band das berühmtberüchtigte Musikmagazin Spex auf seiner Coverseite gerade featuret. In sind die aus Plastik gefertigten Radfahrertaschen. Hin und wieder trifft N. Xenia. Die Tage gehören ihr, die Nächte sollen seine sein, konstatiert die schemenhafte Rebellin peripher.
Clarissa Stadler gelingt eine minimalistische Bestandsaufnahme einer Szene, deren homogene Biografie in tausend Einzelteile zerfällt. Den inneren Monolog ihres schlüpfrigen Helden zerteilt die Autorin in unzählige Absätze. Dabei bekommt der Leser das Gefühl, sich durch die letzten Jahrzehnte des Fernsehprogramms zu zappen. Über die Themen Umweltschutz, Neokapitalismus, Zivilcourage und Konsumgesellschaft schwingen die Protagonisten Stammtisch-Reden. Revolutionär gebärden sie sich bei kubanischen Drinks.
N. ist müde. Es sind die Gespräche, die mittlerweile jeden Abend ersticken, egal wohin man geht, egal mit wem man redet. Das Unbehagen sitzt wie ein tausendarmiger Polyp an den Küchentischen, in den Wirtshausstuben und an den Bartheken. Anfangs noch mit einem Augenzwinkern in schelmischem Einverständnis vorgetragen. Dann zu einem Lamento angeschwollen. Schließlich als Metastasen im ganzen Gesellschaftskörper verbreitet. Die Krake hat ihre Fangarme ausgefahren. Jetzt holt sie ihre Beute.
Clarissa Stadler will "Eine kleine Utopie", wie das Buch im Untertitel heißt, nicht als Manifest der Wiener Szene verstehen. Ihr geht es um das Politische, um die immer stärker werdenden autoritären Strukturen, die sich in der Gesellschaft herausschälen. Den schleichenden, vorauseilenden Gehorsam, der das Individuum lähmt, sieht die Wiener Journalistin als Motor einer inaktiven, desperaten Generation. N. ist das Produkt davon. Was bleibt, ist ein Vakuum, eine Leere.
"Ich bin sicher, es gibt einfach in jeder Generation ein großes Wutpotenzial", meint Clarissa Stadler. "Es gab früher einfach die Möglichkeit, Unmut in Form von Revolten auszutragen und diese Möglichkeit ist verloren gegangen", findet sie.
In einer lakonisch, lässigen, telegrammstilartigen Sprache ist der jungen Autorin ein präziser Blick unter die glänzende Oberfläche der Konsum- und Wohlstandsgesellschaft gelungen. So mancher Leser wird sich von ihrer raffiniert vorgebrachten Kritik zum Nachdenken anregen lassen. Ein Buch, das gegen die von vielen empfundene "innere Leere" anschreibt; ein Text als Anstoß zur Veränderung. Was will man mehr!
Clarissa Stadler, "N. Eine kleine Utopie", Droschl-Verlag, ISBN 385420678X
Alles ist Jazz
Blut will fließen
Brünner Erzählungen
Crinellis dunkle Erinnerung
Das große Töten
Das Matratzenhaus
Das stille Haus
Das Streichelinstitut
Denn ihrer ist das Himmelreich
Der Derwisch und der Tod
Der Mann schläft
Die Demütigung
Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham
Die Zeitwaage
Die zitternde Frau
Drei, vier Töne, nicht mehr
Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Einsamkeit und Sex und Mitleid
Frankie Machine
Glister
Grasblätter
Herr Adamson
Heute wär ich mir lieber nicht begegnet
Im Sitzen läuft es sich besser davon
Jack Taylor fliegt raus
Laufen
Lied vom Hunger
Magdalenaberg
Mein Jenseits
Murmeljagd
Nahe der Neige
Netze
Odessa Transfer
Scardanelli
Sommer des Lebens
Spurensuche
Stein der Geduld
Über die Unsterblichkeit
Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
Wenn du wiederkommst
Winter in Maine
Wir sind gekommen, um zu bleiben