Sonntag, 17. Juli 2005
18:15 Uhr
"Leichensammler" und "Die Werft"

Juan Carlos Onetti. Sein Markenzeichen: spröde, schroffe Bücher.
Onettis Hauptwerke spielen in der imaginären Stadt Santa María, Onettis Fiktion von Montevideo. Nun hat sich der Suhrkamp-Verlag zu einer Juan-Carlos-Onetti-Werkausgabe in deutscher Sprache entschlossen. Der erste Band enthält die Romane "Leichensammler" und "Die Werft", beide gehören zum Santa-María-Komplex. Im Mittelpunkt beider Romane steht der Zuhälter Larsen, auch "Leichensammler" genannt. Aus der Großstadt hat Larsen drei Prostituierte nach Santa María gebracht.
Doch wie die Wolken glühenden Erdstaubs dringt weiter die Einsamkeit der Straßen in den Wagen, und nichts kann die Absage übertönen, die Santa María, schlafend und entvölkert am späten Nachmittag, ihnen wieder und wieder erteilt. Wie findest du sie? fragte Tito.
Es sind eben Frauen, sagte ich, uninteressiert eine Hand schlenkernd.
In einem Pfarrer erwächst Larsen ein entschlossener Gegner. Es entspinnt sich ein grotesker Kampf, bei dem die Positionen des aufgeschlossenen Denkens dem Obskuren unterliegen.
Bald darauf wurde die Schlacht eröffnet. Am Sonntag der heiligen Eulalia stand Pfarrer Bergner, ehe er die Predigt begann, lange Zeit unbeweglich, mit hängenden Armen und ließ die Augen wie suchend über die Gesichter der Kirchgänger schweifen.
Mehrer Minuten lang ging die Stille vom Pfarrer aus, verbreitete sich durch das Gotteshaus, sog die Unruhe und Furcht der Gläubigen an.
Meine Söhne und meine Töchter, sagte der Pfarrer: Ich bin nicht euer Priester; ich bin nicht der Priester von Santa María. Denn der Teufel ist zu uns gekommen und ist aufgenommen worden; ihr habt ihn aufgenommen und ich wusste es nicht zu verhindern.
Im Fortsetzungsroman "Die Werft" kehrt der aus Santa María vertriebene Larsen in die Stadt zurück. Als Geschäftsführer versucht er eine unrentable und fast gänzlich ruinierte Werftanlage zu neuem Leben zu erwecken. Mit alten Zuhälter-Tricks umwirbt er die Tochter des Werft-Eigentümers. Der Versuch, sich an der Stadt und an einigen ihrer wichtigsten Protagonisten zu rächen, scheitert. Nimmt man die zwei Romane zusammen, dann ist Larsen der doppelte Verlierer.
In der Rezeption dieser Werke wird immer wieder betont, dass es sich um eine Allegorie Uruguays handeln dürfte. Der unrettbare Verfall der Werft und des Umlands wären dann Sinnbilder dessen, was in Uruguay in den 50er Jahren des wirtschaftlichen und politischen Bankrotts vor sich ging. Onetti selbst hat solche Deutungen immer von sich gewiesen.
Fest steht: Die Themen des uruguayischen Schriftstellers finden sich auf der Nachtseite des Lebens: Liebe und Sexualität in ihren dunklen, unglücklichen Ausprägungen. Die unentrinnbare Einsamkeit von Frau und Mann. Scheitern als Grundform der menschlichen Existenz. Und doch kennt diese Prosa auch Glücksmomente eigener Art: Die Augenblicke sinnlich erfahrener Erkenntnis. Aber es wäre nicht Onetti, wenn er nicht auch solchen Momenten - der Wahrheit wegen - einen Dämpfer verpassen müsste: Glücksmomente bleiben mit schmerzhaften Erfahrungen verknüpft.
Der nun vorliegende Band der Juan-Carlos-Onetti-Werkausgabe setzt einen kleinen, sperrigen Kontrapunkt in diese krimisüchtigen Lesezeiten. Nur wer bereit ist, sich auf Geschichten einzulassen, die das Geheimnis ihrer Wirkung nie ganz preisgeben, wird das Tor zu Onettis rätselhafter Literaturwelt finden.
Juan Carlos Onetti, Gesammelte Werke - Band 3: "Leichensammler", Deutsch von Anneliese Botond, und "Die Werft", Deutsch von Curt Meyer-Clason, Suhrkamp Verlag, ISBN 3518417037
2666
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