Veränderte Sicht des Menschen

Sigmund Freud installierte das analytische Setting.
Dr. Sigmund Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der Universität Wien, hatte seit Beginn seiner Studienzeit davon geträumt, in der Reihe der Gelehrten seiner Zeit einmal ganz oben zu stehen.
Dafür war es notwendig, einen epochalen wissenschaftlichen Erfolg zu verbuchen. Gelungen war ihm das durch die Entdeckung, dass unbewusste Vorgänge auf das Leben eines Menschen Einfluss nehmen. Auch die Rolle des Arztes definierte Freud neu. Denn Forschen und Heilen standen für ihn in enger Verbindung.
Als er am 25. April 1886 seine erste Praxis in der Rathausgasse 7 in Wien eröffnete, war der Begriff des analytischen Settings noch nicht bekannt. Freud war mit Patienten konfrontiert, die unterschiedlichste Leiden aufwiesen: Panikattacken, Sprachstörungen, aber auch körperliche Leiden, für die es keine organischen Ursachen gab.
Behandelt wurden diese Patienten mit Massagen, Wasserbädern und - in schweren Fällen - mit Elektroschocks. Die Behandlungen blieben jedoch erfolglos. Freud und seine Kollegen tappten im Dunkeln. Darum bezeichnete sich Freud später als Eroberer, der das innere Afrika, den unentdeckten Kontinent der Seele, erforschen wollte.
Seine wissenschaftliche Karriere begann er im Oktober 1873, nachdem er an der medizinischen Fakultät inskribiert hatte. Auf der Suche nach "seinem Thema" forschte er am Aufbau der Nervenzellen und experimentierte mit Kokain. Doch erst der Studienaufenthalt in Paris bei Jean Martin Charcot eröffnete ihm sein späteres Forschungsgebiet.
Denn Charcot demonstrierte in spektakulären Schaustellungen die therapeutische Anwendung der Hypnose bei hysterischen Patienten. In Wien hatte inzwischen Freuds Kollege und Freund Josef Breuer entdeckt, dass sich der Zustand von Patienten verbesserte, wenn sie von sich selbst erzählen durften.
In seiner Privatpraxis griff Freud nun Breuers Entdeckung auf. Er setzte die Hypnose nur mehr spärlich ein - und ließ seine Patienten reden. Er bemerkte, dass die oft wirren und scheinbar nicht zusammenhängenden Gedankengänge im Seelenleben der Patienten einen inneren Zusammenhang besaßen. Und manchmal brachten ausgesprochene Gedanken die Symptome auch zum Verschwinden. Freud hörte zu - und er versuchte zu verstehen.
Er suchte nach Gesetzmäßigkeiten und er formulierte Theorien - um diese wieder zu verwerfen. Das analytische Setting war installiert. 1896 verwendete er in seinem Aufsatz "Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen" zum ersten Mal den Begriff der Psychoanalyse.
Freud sah sich aber nicht nur als Arzt. Seine Leidenschaft galt der Philosophie. In den Gesprächen mit dem katholischen Theologen und Philosophieprofessor Franz Brentano hatte er seine Definition der Psychologie gefunden: als eine Wissenschaft, die deskriptiv, also beschreibend sein müsse.
Freud verstand alle Äußerungen des menschlichen Geistes, auch die der Kunst und der Literatur, als Material, das auf seinen psychologischen Kontext untersucht werden konnte. In der Archäologie fand er eine Metapher für die Psychoanalyse.
In seinem Aufsatz über "Das Unbehagen in der Kultur" schrieb Freud 1930:
Wie der Archäologe aus stehen gebliebenen Mauerresten die Wandlungen des Gebäudes aufbaut, aus Vertiefungen im Boden die Anzahl und Stellung von Säulen bestimmt, genauso geht der Analytiker vor, wenn er seine Schlüsse aus Erinnerungsbrocken, Assoziationen und aktiven Äußerungen des Analysierten zieht.
Radiokolleg, Montag, 9. Jänner bis Donnerstag, 12. Jänner 2006, 9:05 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-Mitglieder können die Sendungen der Woche gesammelt jeweils am Donnerstag nach Ende der Live-Ausstrahlung im Download-Bereich herunterladen.
Links
Sigmund Freud Museum Wien
Freud-Institut
Wiener Psychoanalytische Vereinigung
Freuds Moses-Roman
Im Spiegel der Kulturen
Das Unbewusste und das Schöne
Die Übertragung
Das Unbehagen in der Kultur
Die Zukunft der Psychoanalyse
Das Symbol in der Psychoanalyse
Das Ich-Verständnis
Die Mutter der Psychoanalyse
Psychodarwinismus
Wege zum Unbewussten
Die Wissenschaft der Seele
Sigmund Freud und die Religion
Freud und die Denker
Sophie Freuds Memoiren
Bewohner der Berggasse 19
Rückkehr zu Freud?
Freuds Jahrhundert
Berggasse 19
Freud und die Kunst
Freud und der Todestrieb
Das Wort und seine Zauberkraft
Der Weg in die Emigration
Das Eheleben
Die Brautjahre
Die Familie
Warum Terror?
Freuds Schriften als Hörbuch
Psyche im Kino
Der Poet der Psyche
Schlafes Hüter
Entdeckung des Unbewussten
Faszination Freud
Ein Briefwechsel
Überblick