Ein Seelenwanderer
Im Jahr 1899 publizierte Freud die "Traumdeutung": Es war die erste systematisch wissenschaftliche Theorie über das Unbewusste in der menschlichen Seele. Freud selbst bezeichnete das 600 Seiten umfassende Werk als Via regia zur Kenntnis des Unbewussten. Auf diesem Königsweg ins dunkle Reich der Psyche stellte der Verehrer Shakespeares auch sein Talent als Schriftsteller unter Beweis.

Freuds "Traumdeutung" erweist sich als wahre Fundgrube für Literaturwissenschaftler, Linguisten und Semiotiker.
Der Autor Freud macht seinen Lesern deutlich, dass Träume psychologisch sinnvolle Phänomene sind und gedeutet werden können: Als verdrängte, zumeist sexuell aufgeladene Triebwünsche, die vornehmlich aus der Kindheit stammen.
Wer Sigmund Freuds "Traumdeutung" als literarisches Werk liest, gerät schnell in den Verdacht ein Gegner der Psychoanalyse zu sein. Das Lob für den Literaten inkludierte lange Zeit eine unterschwellige Kritik am Wissenschaftler Freud.
War die Traumdeutung nun das Werk eines Wissenschaftlers oder Literaten? Heute lässt sich darauf salomonisch antworten: Die Traumdeutung war das Opus Magnum eines Wissenschaftlers, der schreiben konnte, wie ein Schriftsteller.
Freud ist ein Meister der Metapher, schwärmt die Salzburger Germanistin Konstanze Fliedl; der Vergleich des Traumes mit einem Netz oder einem Myzel, einem Pilzgeflecht, sei eine ganz moderne Metaphorik: "Das Myzel hat eine Struktur, die nicht logisch ist, sondern deren Funktionsweise in den Verzweigungen besteht."
Der Autor der "Traumdeutung" ist ein literaturgeschichtlich versierter Renegat der Naturwissenschaften. Ein Homme de lettre, ausgestattet mit einem phänomenalen Gedächtnis. Bevor der Neurologe Freud die Nervenzellen von Fischen seziert, hat der Maturant die Anfangsverse des sophokleischen Ödipus Rex auswendig gelernt, jener antiken Tragödie, die in der Traumdeutung als literarische Blaupause für die libidinöse Wunscherfüllungstheorie dienen sollte.
Die Klassiker in seiner Bibliothek werden zu Freuds Gewährsmännern. Die literarischen Stoffe fungieren als Beweisstücke für die psychologische Traumtheorie.
Die zwei berühmtesten Kronzeugen in der Traumdeutung sind Sophokles und Shakespeare. An Ödipus und Hamlet veranschaulicht Sigmund Freud die Kardinalthese in der Traumdeutung: Der Traum ist ein erfüllter verdrängter Wunsch aus der Kindheit.
Die "Traumdeutung" erweist sich als wahre Fundgrube für Literaturwissenschaftler, Linguisten, und Semiotiker. Das Erzählen und Notieren eigener und fremder Träume, die Technik des freien Assoziierens, das Aufspüren latenter Traumgedanken in manifesten Trauminhalten, die Beschreibung von Verdrängungs- und Verdichtungsprozessen bei der Traumarbeit, und die Deutung der Traumsymbole.
Alle diese Versatzstücke, die Freud im Stile des Romanciers und Novellisten zusammenwebt, zeichnen die Traumdeutung als narratives Kunst- und hermeneutisches Meisterwerk aus.
Freud übersetzt die manifesten, erinnerten Traumerzählungen in das Original der latenten, verdrängten Traumgedanken zurück. Damit wird er zum Dolmetscher zwischen zwei Sprachen. Als Archäologe der Psyche schaufelt er die Syntax des verschütt gegangenen anderen Sprechens, das sich im Traum äußert, wieder frei. Das Jahrhundertbuch setzt so neue Maßstäbe für die Interpretation literarischer Texte.
Dimensionen, Montag, 6. März 2006, 19:05 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-Mitglieder können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.
Links
Sigmund Freud Museum Wien
Freud-Institut
Wiener Psychoanalytische Vereinigung
Freuds Moses-Roman
Im Spiegel der Kulturen
Das Unbewusste und das Schöne
Die Übertragung
Das Unbehagen in der Kultur
Die Zukunft der Psychoanalyse
Das Symbol in der Psychoanalyse
Das Ich-Verständnis
Die Mutter der Psychoanalyse
Psychodarwinismus
Wege zum Unbewussten
Die Wissenschaft der Seele
Sigmund Freud und die Religion
Freud und die Denker
Sophie Freuds Memoiren
Bewohner der Berggasse 19
Rückkehr zu Freud?
Freuds Jahrhundert
Berggasse 19
Freud und die Kunst
Freud und der Todestrieb
Das Wort und seine Zauberkraft
Der Weg in die Emigration
Das Eheleben
Die Brautjahre
Die Familie
Warum Terror?
Freuds Schriften als Hörbuch
Psyche im Kino
Der Poet der Psyche
Schlafes Hüter
Entdeckung des Unbewussten
Faszination Freud
Ein Briefwechsel
Überblick