Freuds Kritik an der Philosophie
Sie blickten verächtlich auf die Einzelwissenschaften, weil sie sich als Spezialisten für das Allgemeine verstanden. Ihr Metier war das Reich der Spekulation, in dem das Sein des Seienden oberste Priorität hatte.

Sigmund Freuds Verhältnis zur Philosophie war durch große Distanz geprägt.
Die Philosophen befürchteten, dass der Königsweg des reinen Denkens durch die Psychoanalyse in Frage gestellt würde. Dieser Kontrollverlust wurde als Generalangriff gegen das cartesianische "Ich denke, daher bin ich" angesehen. Der Glaube an die bestimmende und zentrale Rolle des Denkens für den menschlichen Lebensvollzug wurde erschüttert.
Es war vor allem Freuds Wertschätzung des anarchischen Triebpotenzials des Unbewussten, des Es, die die akademischen Philosophen irritierte. Zahlreiche Philosophen kritisierten die Überbewertung der Sexualität, die laut dem Existenzphilosophen Karl Jaspers "das menschliche Dasein in seinen Niederungen verabsolutiere". Die Psychoanalyse diene der Rechtfertigung des Allzumenschlichen des Menschen und degradiere das Streben der Menschen nach allgemein gültigen geistigen Werten.
Vor allem ist Freud von einer eigentümlichen Ungeistigkeit. Es ist fast immer das Gröbste, woraus verstanden wird. Die Masse der Menschen, die bloß Sinnlichen, erkennen sich in der Freudschen Psychologie wieder. Man kann, statt wie Freud an das Vitale und Sexuelle, auch an das geistige im Menschen appellieren und seine Psychologie entfalten." Karl Jaspers
Ähnlich argumentierte der Philosoph Ludwig Wittgenstein: "Freud irrt sich gewiss sehr oft" - so notierte er - "was seinen Charakter betrifft, so ist er wohl ein Schwein oder etwas ähnliches". Dennoch fand er an dem, was Freud zu sagen hatte "ungeheuer viel".
Für Wittgenstein war besonders am "Skandal Freud" interessierte, der mit seiner Sexualtheorie den Mythos des asexuellen bürgerlichen Alltaglebens radikal in Frage stellte. Als Theorie lehnte Wittgenstein die Psychoanalyse Freuds jedoch ab. Der Vorwurf lautete, dass Freud alte Mythen der Seele durch neue ersetze und noch dazu den Anspruch erhebe, eine wissenschaftliche Theorie entwickelt zu haben.
Entgangen ist Jaspers und Wittgenstein jedoch, dass Freud keineswegs das anarchische Triebpotenzial des Es verherrlichte, sondern Wert auf eine Kanalisierung des Es durch das Ich legte. Die Ich-Instanz strukturiert das chaotische Es und passt die Triebwünsche den realen Außenweltbedingungen an.
"Das Ich hat sich aus der Rindenschicht des Es entwickelt und hat von der bewussten Wahrnehmung her immer größere Bezirke und tiefere Schichten des seinem Einfluss unterworfen". Sigmund Freud
Theodor W. Adorno sah in diesem Vorgang "eine Entzauberung des Unbewussten selbst "und grenzte sie von der "Metaphysik des Unbewussten" ab, wie sie Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche vertraten. Die Psychoanalyse Freuds wurde zum "Vorbild einer emanzipatorischen Wissenschaft" - mit dem Ziel, "die Zuydersee" des Es trockenzulegen.
Dimensionen, Montag, 12. Juni 2006, 19:05 Uhr
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