Kolumne von Richard Brem

Jagten Jugendliche früher im Beserlpark dem Ball nach, so sitzen sie heute vor Konsolen und führen ihre Mannschaft in Games wie "FIFA World Cup" zu virtuellen Siegen.
In der Nähe von München hat sich die Firma Impire einer anders gearteten Digitalisierung des Fußballs verschrieben. Wenn Spiele der deutschen oder österreichischen Bundesliga stattfinden - oder wie aktuell gerade WM-Matches - dann sitzen in den Stadien jeweils zwei "Scouts" der Firma auf der Pressetribüne und geben einen Spielbericht in Echtzeit durch.
Dazu wurde ein eigener Sprachcode entwickelt ("Kurzpaß rechts Ballack - Flanke links Schweinsteiger" usw.), der von zwei Mitarbeiter der Firma in einem eigenen "Scouting-Raum" bei Impire mitgeschrieben und mithilfe eines Graphik-Tablets und einer speziell adaptierten elektronischen Maus auch sofort in eine Datenbank eingegeben wird.
Dabei wird jeder Spieler statistisch live erfasst. Pro Spiel werden mehr als 2.000 Ereignisse festgehalten. Jeder einzelne Ballkontakt wird dokumentiert, jeder Pass, Zweikämpfe, Fouls, Schüsse, Tore. Die Leistung jedes Spielers ist somit exakt nachvollziehbar.
Um eine einheitliche Erfassung der während eines Spiels erhobenen Daten zu gewährleisten, sind jede Aktion und jeder Spielzug exakt nach sportwissenschaftlichen Kriterien definiert und die "Scouts" der Firma auch entsprechend "programmiert". Nur so, auf Grundlage weitestgehend objektivierter Daten, sind einzelne Spieler und Mannschaften seriös miteinander vergleichbar.
Seit 1992 hat Impire jedes Bundesligaspiel in Deutschland - mittels Spielanalyse in Echtzeit durch "Scouts" vor Ort und nachträglicher Videoanalyse - ausgewertet und die Zahlen und Daten in einer zentralen Datenbank gespeichert.
Neben den "Scouts" gibt es auch eine Redaktion - sie ist das eigentliche Herzstück der Firma. Sie wertet die von den Scouts zusammengetragenen Daten in Echtzeit aus und beliefert etwa Websites mit aktuellen Tickermeldungen und Fernsehstationen mit Grafik-Inserts.
Primäre Abnehmer der von Impire zusammengetragenen und ausgewerteten Zahlen, Daten und Fakten sind aber Fernseh- und Radio-Kommentatoren, die bereits vor jedem Spiel eine etwa 60 Seiten umfassende Mappe erhalten. Darin enthalten: Genaue Informationen zu den Stärken und Schwächen der beiden Mannschaften, Wissenswertes zu früheren Aufeinandertreffen, Angaben zu Taktik und Spielweise.
Wenn Sie sich während der WM also wundern, woher die Fernsehkommentatoren ihr beeindruckendes Detailwissen haben - die Antwort ist in einem Medienpark nahe München zu finden.
Aber nicht nur Journalisten, sondern auch Trainer greifen auf die Datenbanken zurück. Allen voran: die Trainer des FC Bayern München und hierzulande Red Bull Salzburg. Auf diese Weise beeinflusste die Datenbank mitunter auch die Aufstellung und Taktik einer Mannschaft bei einem Spiel, das dann wiederum in Echtzeit analysiert und in die Datenbank eingespeist wird.
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Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 25. Juni 2006, 22:30 Uhr
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