Vom Alltag überfordert
Mobiltelefone, Unterhaltungselektronik, Spielkonsolen oder Haushaltsgeräte kommen in immer kürzeren Zyklen und mit immer mehr Funktionen auf den Markt. Genützt werden all die Features nur zu einem geringen Prozentsatz und die Telefonbuch-dicken Anleitungen dafür niemals gelesen. Bringen immer mehr Funktionen tatsächlich mehr Komfort? Oder machen sie den Umgang mit der Technik nicht bloß immer schwieriger?

War man früher schon begeistert, dass man mobil telefonieren kann, so muss es heute zumindest ein Telefon mit eingebauter Kamera, MP3-Player oder Multimedia-Plattform sein.
Usability-Experten orten bei der Industrie eine gewisse "Funktionalitis" nach dem Motto: wenn mein Produkt elf Funktionen hat und das der Konkurrenz nur zehn, dann werden die Kunden eher zu meinem Produkt greifen. Bisher habe das auch funktioniert. Gleichzeitig wird jedoch bei der Entwicklung und Herstellung gespart.
Weniger Knöpfe, weniger Aufwand bei der Entwicklung von Menüs oder weniger Testdurchläufe für die Benutzerfreundlichkeit schaffen ein billigeres Produkt und damit wieder Marktvorteile. Allerdings, so beobachtet Reinhard Sefelin von den Wiener Usability Consultants USECON, würden die Konsumenten langsam kritischer gegenüber dem "Mehr, Größer, Schneller". Wenn ein Produkt nicht zu bedienen sei, werde die Marke beim nächsten Kauf gemieden und das setze die Hersteller unter Druck, in Zukunft doch mehr auf die Bedienfreundlichkeit ihrer Produkte zu achten.
Es gehe aber nicht nur darum, darauf zu achten, dass Produkte mehr Usability-Tests durchlaufen, meint Ina Wagner, Leiterin des Instituts für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der Technischen Universität Wien.
Einerseits müssten wir uns fragen, ob wir wirklich noch mehr "gadgets" brauchen, ob sie uns das Leben wirklich angenehmer oder Spaß machen oder uns nicht vielmehr noch mehr Stress bereiten. Andererseits sei es wichtig, bei der Entwicklung neuer Geräte und Systeme die Benutzer schon im frühen Entwicklungsstadium einzubeziehen.
Vor allem im Arbeitsbereich geschehe das viel zu selten. Es sei auch wichtig, neue Formen der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu finden - weg von Tastatur, Maus und Monitor. Dafür könne man sich viele Anregungen aus der Kunst holen.
Einen etwas anderen Weg, den Umgang mit komplexer Technik zu vereinfachen, geht das sogenannte ubiquitous oder pervasive computing. Mark Weiser vom Forschungsinstitut Xerox PARC in Kalifornien hatte schon vor Jahren davon gesprochen, dass Computer aus unserem Gesichtskreis verschwinden und in Alltagsgegenstände integriert werden müssten.
Mark Weiser bezeichnete das auch als "calm computing", was auf gut Deutsch bedeutet, dass uns die Computer nicht mehr belästigen sollen. Dafür ist es jedoch notwendig, dass die Systeme sich selbstständig auf den Benutzer und die jeweilige Situation einstellen können und sich untereinander vernetzen.
Das Problem dabei ist, dass sehr unterschiedliche Systeme miteinander "sprechen" können müssen, was schon heute immer wieder zu absurden Fehlern führt, die oft nicht einmal von Fachleuten durchschaut werden können.
Auch Entwickler sind deshalb der Meinung, dass die Komplexität der Systeme einen Grad erreicht hat, der nicht überschritten werden darf.
Die Lösung sei das so genannte "Organic Computing, das in einem groß angelegten Forschungsprojekt von mehreren Gruppen in Deutschland entwickelt wird. Der Begriff "Organic Computing" steht für einzelne Komponenten oder ganze Computersysteme, die sich selbst organisieren, selbst optimieren, selbst reparieren und selbst schützen.
Sie werden als "organisch" bezeichnet, weil ihre Organisationsform der Natur abgeschaut wird. Als Vorbild dienen zum Beispiel Bienenvölker oder Ameisenstaaten.
Tipp
Mit den Themen Einfachheit und Komplexität beschäftigt sich auch die Ars Electronica 2006. Der Titel des heurigen Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft lautet: Simplicity - the art of complexity. Die beiden "Matrix"-Redakteurinnen Sonja Bettel und Ina Zwerger werden am Montag den 4. September im Rahmen der Ars Electronica die Prix Ars Electronica Foren der Kategorien Digital Communities und Net Vision moderieren.
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 20. August 2006, 22:30 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.
Veranstaltungs-Tipp
Ars Electronica, Donnerstag, 31. August bis Dienstag, 5. September 2006, 10:00 bis 19:00 Uhr, Linz, mehrere Veranstaltungsorte
Ars Electronica, Forum Digital communities and Net Vision, Montag, 4. September 2006, 10:30 bis 17:00 Uhr, Brucknerhaus, Linz
Ö1 Club-Mitglieder erhalten beim Ars Electronica Festival 30 Prozent Ermäßigung auf den Festivalpass und Prozent Ermäßigung auf den Katalog.
Links
Human Centric Solutions
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung
Organic Computing
Ars Electronica
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Web 2.0
Romance rulez
Eine Dekade digitalen Filmemachens
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Wikipedia und Süd-Osteuropa
Digitales Alzheimer
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Wenn Künstler Wellen schlagen
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Computerspiele und Rosinen
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Politik des Open Source
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