oe1.ORF.atORF.at
oe1.ORF.at
Webradio Podcast
Highlights
Mehr zu Netzkultur in oe1.ORF.at
Wikipedia und Süd-Osteuropa
Schwierigkeiten die nackten Fakten zu entdecken
Eine an sich positive Erscheinung, dass sich heutzutage ein "durchschnittlicher" Mensch ins Zentrum der Geschehnisse setzt, die vorher nur für Experten reserviert waren, kann in einigen Facetten des Lebens zu Verwirrung führen.

Wenn ein Leser auf der Amazon-Website seine Rezension eines Buches der Allgemeinheit zur Kenntnis bringen möchte, dann steht ihm die Amazon-Seite zur Verfügung, und er wird sogar mit günstigen Preisen dazu angeregt.Dem Leser dieser Leserrezensionen ist im Voraus bewusst, dass diese Kommentare nicht von professionellen Literaturkritikern stammen, und er empfindet das sogar als Vorteil.

(c) ORF, Meinhart
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia zeigt bei der Darstellung mancher Begriffe ihre Schwächen und Grenzen.

Wikipedia
Bei TV-Formaten wie "Starmania" und "Big Brother" ist dem Konsumenten klar, dass die zukünftigen Stars auch zu uns ganz normalen Menschen gehören und dass in jedem von uns eine "sehr wichtige Persönlichkeit" steckt. Diese Idee liegt auch der Entstehung der einfach nutzbaren, von den Verbrauchern selbst gestalteten freien Enzyklopädie Wikipedia zugrunde.

"Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer freien Enzyklopädie in mehr als 200 Sprachen. Jeder kann mit seinem Wissen beitragen", steht auf der Startseite des Internetprojektes. Was zu Verwirrungen führen kann, ist die Tatsache, dass Wikipedia eine Enzyklopädie ist, die nicht von einer festen, bezahlten Redaktion, sondern von freiwilligen Autoren verfasst wird.
Wikipedia und Süd-Osteuropa
Wenn es konkret um Süd-Osteuropa geht, dann kann man an einigen Beispielen sehen, wie die Autoren der Beiträge diese auf unterschiedliche, ihren Sichtweisen entsprechende Art und Weise erklären. Obwohl die lexikalischen Einheiten von anderen Lesern bearbeitet und korrigiert werden, kann man eigentlich nie sicher sein, wer und welche Ideen hinter den Beiträgen stehen.

Wikipedia selbst lehnt die Verantwortung für den Wahrheitsgehalt der Artikel ab: "Wikipedia ist ein Wiki, das heißt eine Website, bei der jeder Benutzer ohne Anmeldung Autor werden, Beiträge schreiben und bestehende Texte ändern kann. Eine Redaktion im engeren Sinne gibt es nicht. Das Prinzip basiert vielmehr auf der Annahme, dass sich die Benutzer gegenseitig kontrollieren und korrigieren."
Kosovo, Kosova, Kosove, Kosovo i Metohija
Wenn es um Kosovo/a in Wikipedia geht (ein Thema, dass solange die Lösung des Status von Kosovo/a nicht definiert ist, sehr aktuell und heikel ist), dann stößt ein Neugieriger schon mit der Definition und Erklärung des jetzigen Status auf große Probleme.

Ein Deutschsprachiger erfährt unterschiedliche Aussprachen und Schreibweisen der "Region in Südosteuropa", und weiters: "Gemäß der UN-Resolution 1244 (aus dem Jahr 1999) bekam Kosovo den Status eines autonomen Territoriums innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien (jetzt Serbien) und steht unter UN-Verwaltung."

Das englische und serbo-kroatische Wikipedia stimmt mit der deutschen Variante des Status von Kosovo/a überein - mit einer Einschränkung: Sie schreiben, dass die Lage provisorisch ist und dass sich Kosovo/a nur formal unter der Verwaltung Serbiens befindet.

Die serbische Version von Wikipedia lässt keine Zweifel daran, dass die Region eine "autonome Provinz" innerhalb der Republik Serbien ist. Doch diese Beschreibung findet sich nicht unter dem Stichwort Kosovo oder Kosova, sondern unter "Kosovo und Metohija", was gekürzt als "Kosmet" oder "KundM" gesprochen wird, was wiederum umgangssprachlich als "Kosovo" oder Albanisch "Kosove/Kosova", Englisch "UNMIK Kosovo UN Protectorate" bezeichnet wird.

Als ob das nicht schon genug wäre, um einen Neugierigen in Verwirrungen zu stürzen, gibt es auch eine albanischsprachige Version zu lesen. Dort steht, dass "Kosova" (die Variante "Kosov-o" ist hier nicht vorhanden) eine Region auf der Balkanhalbinsel ist, die mit ihrem nördlichen Teil an Serbien und im Süden an Mazedonien grenzt. Dann ist weiter zu lesen, dass "Kosova von 1946 bis 1968 von der Republik Serbien okkupiert war. Heute befindet sich Kosova unter administrativer Verwaltung der internationalen Gemeinschaft und US."

Jemand, der sich in allen obigen Sprachen auskennt, kann am Ende nicht sagen, worüber es unter den verschiedenen Namen geht. Er weiß nicht mehr, ob er es mit einer Provinz, einer Region, einem Territorium oder Protektorat zu tun hat. Man kann sich nicht sicher sein, ob es hier um das gleiche Suchwort geht.

Es fällt nicht schwer sich zu vorstellen, welche Uneinigkeiten bei historischen oder gesellschaftlichen Fragen vorkommen, wenn es schon bei der Definierung von Kosovo/a zu solchen Auseinandersetzungen kommt.
Citizendium
Im Bewusstsein dieses Problems beginnen die Verfasser Wikipedias ein neues Projekt, genannt Citizendium, das "aus den Fehlern bei Wikipedia gelernt hat". Nach dem Willen von Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger soll Citizendium zuverlässiger sein. Erreichen will man das durch Zwangsregistrierung der Autoren und eine Art Wachpersonal, das die Inhalte verifiziert. Pseudonyme wird es nicht geben und Experten, Forscher oder Universitätsprofessoren schreiben mit.“

Es bleibt zu hoffen, dass man sich dann auch auf die Begriffe aus Süd-Osteuropa mehr verlassen könnte, wie das leider bis jetzt nicht immer der Fall war. Viele Bearbeitungen der Schlagwörter waren in Wikipedia von politischen Projektionen und Wünschen geprägt. Diese sind zwar legitim, aber diese Interpretationen haben sehr oft für das Verstehen der Region nicht viel gebracht - ganz im Gegenteil.
Text: Radovan Grahovac
Um Ihre Meinung abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen. Log-in
Die ORF.at-Foren sind jedermann zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Bitte bleiben Sie sachlich und bemühen Sie sich um eine faire und freundliche Diskussions-Atmosphäre. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge, behält sich aber das Recht vor, krass unsachliche, rechtswidrige oder moralisch bedenkliche Beiträge zu löschen.
Netzkultur 2006

Fake it, baby!
Don't shoot the Messenger!
Web 2.0
Romance rulez
Eine Dekade digitalen Filmemachens
Komm, spiel mit mir!
Die ganze Erde auf dem Tisch
Und alles ist weg
Das MySpace-Phänomen
Wikipedia und Süd-Osteuropa
Digitales Alzheimer
Das Medium, das in der Luft liegt
Wenn Künstler Wellen schlagen
Beton für Überwacher
Computerspiele und Rosinen
Fernsehen, do it yourself!
Opern online
Kultur als Sicherheitsdiensleistung
Neue Methoden, neue Materialien
Schlüsselfragen der Bewahrung
Einbalsamierte Folklore
Die Geschmacks-Automaten
Warum Game Researcher spielen
working_world.net
Games College
Kopieren - aber richtig
Business ohne Copyright
Nachruf Zelko Wiener
In unbekannten Gewässern
Politik des Open Source
48 Grad Nord und 16 Grad Ost
Einfachheit versus Komplexität
Komplexität als Last und Chance
RFID-Games
Die Kultur des Digitalen
Ars Electronica Festival in Linz
Ars simplicitatis
Ars Electronica Backstage
Die Komplexität der Einfachheit
Das ewige Funkloch - Teil 2
Ordnung ohne Ideologie
Den Frieden programmieren?
Das Kunstkollektiv backlab
Pervasive Gaming
Die Autobio-Geografen
Alte Freunde
Suchmaschinen
Im Netz der Angst
Rund um die Uhr geöffnet
Zukunftsvision und Zeitkritik
Wissens-Sozialismus à la Wikipedia
Creative Class made in Austria
An Army of Davids
Indies setzen auf Podcasting
Eins zu Null für Einsen und Nullen
Computer-Forensik
Eine neue Studentenbewegung
Das digitale Proletariat
Elefanten, Träume und Open Source
Homo Zappiens vs. Homo Sapiens
Hey teacher leave us kids alone?
Unter Druck
Jeder Track ein Knaller
Organic Computing
Geisterstunde des Infozeitalters
Die Aufmerksamkeits-Ökologie
Freunderlwirtschaft
Ars Backstage
Hercules Film-Network
Programmierer
Vom Spielfilm zum Filmspiel
Big Brother im Büro
Die Anti-Konferenz
Digital Culture
Charles Herzfeld
Bildschirmschrift
Mana
Der globale Rotlichtbezirk
Der Virenpapst aus Moskau
Soziale Kalender
Das Zeitalter der Simulation
Wenn die Technik streikt
Die Welt der Blogs
Das ewige Funkloch
Netzwerken haben alle nötig
Users for Users
Gleiches Recht im Cyberspace
Google Print
E-Grain
Database Democracy
Mehr Markt - weniger Staat?
McLuhans Erben
Verschlüsselung
Netzvisionen
Der Evangelist der freien Software
Commons & Community