Was Gerüchte bewirken können
Das Beispiel zeigt erstens, dass es beim Gerücht nicht auf wahr oder falsch ankommt, und zweitens: Das Internet ist die moderne Gerüchteküche. Der Gießener Politikwissenschafter Claus Leggewie bezeichnet es daher als "Famanet", nach "fama", dem lateinischen Wort für Gerücht.

Ein Internet-Gerücht führte zum Auffliegen eines der größten Skandale der jüngeren amerikanischen Geschichte.
Der Berliner Journalist Hans Joachim Neubauer, der Autor des viel zitierten Buches "Fama. Eine Geschichte des Gerüchts", behauptet, dass wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter des Gerüchts stehen. Dafür sorgen seiner Meinung nach die "Blogger", die Bürgerjournalisten im Internet, die sich untereinander ganz einfach vernetzen und verschalten können mit der so genannten RSS-Technik (really simple syndication). Was einer sagt und schreibt, können andere wortwörtlich übernehmen. Ideale Voraussetzungen, um die Gerüchteküche am Brodeln zu halten, um das Volksgerede anzuheizen. Denn was viele wahrnehmen, wird für wahr gehalten.
An "Clintongate" wird auch deutlich, dass die Grenzen zwischen Nachrichten und Gerüchten fließend sind. Nachrichten kommen nicht ohne Gerüchte aus und umgekehrt, beobachtet die Kölner Medienwissenschafterin Irmela Schneider. Bestätigte Meldungen und unbestätigte Meldungen ergänzen sich.
Bei der Unterscheidung von Nachricht und Gerücht zählt oft nicht nur der Inhalt, sondern auch die Präsentationsform. Starr und steif in die Kamera schauen wird oft mit Wahrheit assoziiert, kritisiert der Hildesheimer Medienwissenschafter Matthias Mertens. Das Emotionale ist nicht wahr, sondern Boulevard, das sei die vorherrschende Meinung. Doch der Zug der Zeit fährt in Richtung Boulevardisierung.
Gerüchte entstehen, weil es Unsicherheit auf der Welt gibt. Sie schießen ins Kraut, wenn es einerseits, wie im Krieg, zu wenig Informationen gibt. Anderseits wenn, wie bei der derzeitigen Medienflut, zu viele Informationen verwirren. Gerüchte schaffen scheinbar Klarheit, wo vorher Unklarheit war. Sie reduzieren Komplexität.
Gerüchte haben viel mit Macht zu tun. Denn Macht beruht im Wesentlichen auf Anerkennung und die spielt sich in der sozialen Einbildungskraft ab. Erst die Tatsache, dass jemandem Macht zugeschrieben wird, macht ihn mächtig. "Die Macht ist wie ein Gerücht", hat der englische Philosoph Thomas Hobbbes vor 450 Jahren in seinem Hauptwerk, "Leviathan" gesagt.
Zu den besonders Erfolg versprechenden Zutaten eines Gerüchts gehört immer eine Prise Sex. Das dokumentiert schon der Ursprung des Wortes "klatschen". Es bedeutet ursprünglich so viel wie Schmutzwäsche waschen. Dafür waren die "Klatschweiber" zuständig. Um Flecken entfernen zu können, mussten sie deren Ursachen ergründen. So wurde Intimes an die Öffentlichkeit gezerrt.
Das erklärt auch, warum das Klatschen als typisch weiblich betrachtet wird. Das Klatschen der Frauen war als arbeitsbegleitende Form des Redens entstanden. Der Klatsch unterscheidet sich insofern deutlich vom Gerücht, als er an konkreten Personen festgemacht werden kann. Das Gerücht hingegen kommt aus dem Dunkel, es ist körperlos. Deswegen ist man dagegen wehrlos. Deswegen ist es zerstörerisch.
Außerdem ist bei Gerüchten in irgendeiner Form immer Politik im Spiel. Der Klatsch ist privater und harmloser. Klatschbedürfnis steckt in jedem von uns. Das belegt die psychologische Forschung.
Hör-Tipp
Dimensionen, Dienstag, 23. Jänner 2007, 19:05 Uhr
Buch-Tipp
Hans Joachim Neubauer, "Fama. Eine Geschichte des Gerüchts", Berlin Verlag, ISBN: 978-3827002662
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