Kultur
11:59
Mo, 23.01.2006
11:59
Mo, 23.01.2006
KUNST
Abramovics zeigt Erotikkunst in Mailand
Abramovics zeigt Erotikkunst in Mailand
Im Hangar Bicocca, einer Industriehalle am Mailänder Stadtrand, scheint man als Besucher zunächst blind zu sein. Es ist finster, doch immerhin kann man hören, dass es regnet. Wer dem Geräusch nachgeht, steht irgendwann vor einer großen Video-Leinwand.
Der Regen fällt auf eine Gruppe von Frauen, die über eine grüne Wiese laufen. Sie tragen Kopftücher, ihre Röcke sind hochgezogen. Sie recken ihr Geschlecht zum Himmel und drücken es in die nasse Erde. Der Betrachter weiß zunächst nicht so recht, ob er einem alten Fruchtbarkeitsritual beiwohnt oder einer postmodernen Performance.
Avantgarde und Archaisches
Der Besucher sollte wissen, dass bei Marina Abramovic die Avantgarde und das Archaische zusammenfallen:
"Ich versuche hier, unbekanntes Terrain zu betreten. Ich kehre zurück zu heidnischen Gebräuchen, um herauszufinden, dass unsere Genitalien keine reinen Fortpflanzungsorgane sind. Sie sind Instrumente des Spirituellen, die Krankheiten heilen, die Erde fruchtbar und kosmische Energien erfahrbar machen. Wir haben es verlernt, Sex auf diese Weise zu betrachten. Deshalb habe ich die alten Symbole neu arrangiert."
Projekt mit Porno-Darstellern abgesagt
Der Körper, vor allem der eigene, ist das Arbeits- und Experimentierfeld von Marina Abramovic. Gerade hat sie in New York eine zwölftägige öffentliche Hungerkur hinter sich gebracht. Als nächstes war eigentlich eine Aktion mit professionellen Porno-Darstellern geplant. Doch dann stellte Abramovic fest, dass in diesem Genre der Körperkultur keine echten Grenzerfahrungen mehr möglich sind:
"Sie wissen ja, wie vulgär und restriktiv Sex in diesem Ambiente dargestellt wird. Denken Sie nur an den weiblichen Körper - große Ärsche, große Brüste, kurze Hemden, blonde Haare. Diese Kultur kennt auch keine nationalen Grenzen mehr. Sex wird heute international mit Hilfe von Schablonen dargestellt. Es ist wie ein Kochbuch, und jeder verwendet dasselbe Rezept. Das ist langweilig, ich wollte dieses Thema anders sehen."
Erotische Ethnologie
So also kehrte Marina Abramovic zurück zu ihren balkanischen Ursprüngen. Statt in Pornoheften, las sie in alten serbischen und montenegrinischen Aufzeichnungen viel über die erotische Ethnologie ihrer Heimatländer. Die Bilder, die dabei in ihr wachgerufen wurden, hat sie auf Videos gebannt.
Da stehen Männer in serbischer Nationaltracht und mit erigierten Gliedern, andere kopulieren mit der nackten Erde. Am Ende steht auch Abramovic auf der grünen Wiese, blickt zum Himmel und massiert ihre Brüste.
Spiritualität, Element des Sexuellen
Die realpolitische Gegenwart wird in diesen explizit-nüchternen Sex-Videos nicht ausgeblendet. Im Mailänder Hangar finden neben "Balkan Erotic Epic 5" andere Installationen aus den letzten Jahren Platz, die Marina Abramovic ihrer vom Krieg entstellten Heimat gewidmet hat.
"Hier in Jugoslawien funktioniert nichts mehr. Gesund sind nur das Essen und der Sex. Sexuelle Energie ist die einzige Energie, die in unseren Körpern steckt. Wir können sie in Aggression umwandeln, in Liebe oder in Kreativität. Es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Mit Sicherheit ist auch Spiritualität ein Element des Sexuellen. Darüber denken wir viel zu wenig nach, deshalb wollte ich den Blick darauf richten."
Befremdliches wird natürlich
Wer lange genug im dunklen Hangar bleibt, passiert die Grenze zwischen den nackten Körpern und ihrer videotechnischen Installation.
Am Ende ist auch das Befremdlichste natürlich. Dann tritt man hinaus ins Freie, blinzelt in die kalte Wintersonne - und wartet auf den nächsten Regen.
Link
artnet - Marina Abramovic
Der Regen fällt auf eine Gruppe von Frauen, die über eine grüne Wiese laufen. Sie tragen Kopftücher, ihre Röcke sind hochgezogen. Sie recken ihr Geschlecht zum Himmel und drücken es in die nasse Erde. Der Betrachter weiß zunächst nicht so recht, ob er einem alten Fruchtbarkeitsritual beiwohnt oder einer postmodernen Performance.
Avantgarde und Archaisches
Der Besucher sollte wissen, dass bei Marina Abramovic die Avantgarde und das Archaische zusammenfallen:
"Ich versuche hier, unbekanntes Terrain zu betreten. Ich kehre zurück zu heidnischen Gebräuchen, um herauszufinden, dass unsere Genitalien keine reinen Fortpflanzungsorgane sind. Sie sind Instrumente des Spirituellen, die Krankheiten heilen, die Erde fruchtbar und kosmische Energien erfahrbar machen. Wir haben es verlernt, Sex auf diese Weise zu betrachten. Deshalb habe ich die alten Symbole neu arrangiert."
Projekt mit Porno-Darstellern abgesagt
Der Körper, vor allem der eigene, ist das Arbeits- und Experimentierfeld von Marina Abramovic. Gerade hat sie in New York eine zwölftägige öffentliche Hungerkur hinter sich gebracht. Als nächstes war eigentlich eine Aktion mit professionellen Porno-Darstellern geplant. Doch dann stellte Abramovic fest, dass in diesem Genre der Körperkultur keine echten Grenzerfahrungen mehr möglich sind:
"Sie wissen ja, wie vulgär und restriktiv Sex in diesem Ambiente dargestellt wird. Denken Sie nur an den weiblichen Körper - große Ärsche, große Brüste, kurze Hemden, blonde Haare. Diese Kultur kennt auch keine nationalen Grenzen mehr. Sex wird heute international mit Hilfe von Schablonen dargestellt. Es ist wie ein Kochbuch, und jeder verwendet dasselbe Rezept. Das ist langweilig, ich wollte dieses Thema anders sehen."
Erotische Ethnologie
So also kehrte Marina Abramovic zurück zu ihren balkanischen Ursprüngen. Statt in Pornoheften, las sie in alten serbischen und montenegrinischen Aufzeichnungen viel über die erotische Ethnologie ihrer Heimatländer. Die Bilder, die dabei in ihr wachgerufen wurden, hat sie auf Videos gebannt.
Da stehen Männer in serbischer Nationaltracht und mit erigierten Gliedern, andere kopulieren mit der nackten Erde. Am Ende steht auch Abramovic auf der grünen Wiese, blickt zum Himmel und massiert ihre Brüste.
Spiritualität, Element des Sexuellen
Die realpolitische Gegenwart wird in diesen explizit-nüchternen Sex-Videos nicht ausgeblendet. Im Mailänder Hangar finden neben "Balkan Erotic Epic 5" andere Installationen aus den letzten Jahren Platz, die Marina Abramovic ihrer vom Krieg entstellten Heimat gewidmet hat.
"Hier in Jugoslawien funktioniert nichts mehr. Gesund sind nur das Essen und der Sex. Sexuelle Energie ist die einzige Energie, die in unseren Körpern steckt. Wir können sie in Aggression umwandeln, in Liebe oder in Kreativität. Es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Mit Sicherheit ist auch Spiritualität ein Element des Sexuellen. Darüber denken wir viel zu wenig nach, deshalb wollte ich den Blick darauf richten."
Befremdliches wird natürlich
Wer lange genug im dunklen Hangar bleibt, passiert die Grenze zwischen den nackten Körpern und ihrer videotechnischen Installation.
Am Ende ist auch das Befremdlichste natürlich. Dann tritt man hinaus ins Freie, blinzelt in die kalte Wintersonne - und wartet auf den nächsten Regen.
Link
artnet - Marina Abramovic