Im Gespräch

"Wer Geld machen will, investiert nicht mehr in Drogen, sondern in Psychopharmaka". Renata Schmidtkunz spricht mit Arnold Retzer, Psychotherapeut und Autor

Depressionen sind eine soziale und ökonomische Zeitbombe. Nach einer jüngsten Studie der WHO werden im Jahr 2020 Depressionen weltweit die zweithäufigste Krankheit sein - und Männer und Frauen in allen Altersgruppen betreffen.

Der an der Universität zu Heidelberg lehrende Arzt und systemischer Psychotherapeut Arnold Retzer definiert im Gespräch mit Renata Schmidtkunz die Depression als Kulturphänomen: "Unsere Kultur - sagt er - hat Glaubenssätze, die die Depression fast logisch erzwingen. Wir stehen unter dem Terror des "Sollens". Wir sollen z. B. glücklich sein. Man kann es sich heutzutage nicht mehr erlauben, nicht glücklich zu sein. Und wenn man es nicht ist, ist man selber schuld. Das ist Schmiede der Depression."

Eine Voraussetzung für Depressionen ist die Idee des ständigen Glücks, für dessen Herstellung das Individuum verantwortlich ist. An so einem Anspruch kann man nur scheitern. Das "Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen", das im Moment 220 psychische Erkrankungen listet, wird im Jahr 2013 370 Krankheiten umfassen. Das heißt: Es wird immer schwieriger, normal zu sein. Nur eine Krankheit wird gestrichen werden: die narzisstische Störung. Für Arnold Retzer ist das ein Symptom unserer Zeit der "Ich-AGs" und des verordneten Individualismus.

Service

Arnold Retzer, "Lob der Vernunftehe: Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe", S.Fischer Verlag Frankfurt

Arnold Retzer, "Systemische Paartherapie: Konzepte - Methoden - Praxis", Verlag Klett-Cotta

Arnold Retzer, "Passagen: Systemische Erkundungen", Verlag Klett-Cotta

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