Gedanken für den Tag

Von Veronika Zoidl. "Das Surreale und ich". Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Das Surreale, das Außer- oder Übernatürliche, hat die 20-jährige Schriftstellerin Veronika Zoidl von Kindheit an fasziniert: seien es Nonsensgedichte, die fantastische Welt der Alice im Wunderland, in der alles möglich scheint, oder das einspruchslose Hinnehmen des Surrealen in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung".

Der Einbruch des Surrealen in den Alltag bricht die Welt des Vertrauten, des Logischen und des Selbstverständlichen auf und verweist auf etwas darüber Hinausgehendes, Unfassbares und Transzendentes.

Wenn Götter ihre Gestalt verändern, Intrigen spinnen, Menschen verfluchen und verwandeln, dann befinden wir uns mitten in der griechischen Mythologie. Die Begriffe Mythologie, Realität und Surrealität in einem Atemzug zu nennen, mag unsinnig sein, ist doch die Mythologie an sich weit über der Realität der Menschen - also in der Sur-Realität -, in den Gipfeln des Olymps anzusiedeln. Fesselnd finde ich aber, wie dieses Surreale der Mythologie Eingang in die Realität findet und dabei die Grenzen der beiden Pole verschwimmen. So treten die Götter in Kontakt mit den Sterblichen, verhalten sich wie diese, lieben und verfluchen die Menschen, - und stellen diese in ihrer Realität vor surreale Situationen. Die Qualen des Tantalos halte ich für eine dieser packendsten surrealen Situationen. Tantalos Hybris, den Göttern seinen Sohn als Mahl vorzusetzen, wird durch lebenslange albtraumhafte Zustände bestraft. Das Bild des Tantalos, der durstig im Fluss steht, aber daraus nicht trinken kann, der hungrig nach den Früchten im Baum über ihm greift, diese aber nie erreichen wird, ist für mich ein Inbegriff des Surrealen. Tantalos hat gerade so viel inneren Antrieb, zwar nicht aufgeben, aber doch verzweifeln zu können. Sein verfluchter Wille, nicht aufzugeben, macht ihn zum Gefangenen seiner selbst. Ähnlich verhält es sich mit Sisyphos, der nie aufhören wird, seinen Stein auf den Berg zu rollen, obwohl es diesen immer wieder zurück ins Tal zieht. Faszinierend ist, wie das Surreale in die Geschichte eingreift und sich in den Spannungen der Gegensätze zeigt: zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit, Vermögen und Unvermögen, Wille und Fluch, Hoffnung und Verzweiflung. Diese Form des Surrealen begegnet mir auch im Alltag immer dann, wenn ich mich in der Rolle von Tantalos und Sisyphos fühle. Wenn eine Aufgabe erst beim Ausführen ihre Unmöglichkeit aufzeigt, ich aber trotzdem nicht aufhören kann, den Stein weiter zu rollen. Wenn ich nach Worten suche, sie aber nicht finden und erreichen kann, und eine Idee auf der Suche verloren geht. Dann ist es angenehm, einen Schritt  aus dieser unendlichen, surrealen Situation zurückzugehen - und den Stein einfach liegen zu lassen.

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