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Special Agent Miller. Wie der Wiener Jude Alfred Müller zum "Inglourious Basterd" wurde. Die Biografie des heute 91-Jährigen ist geprägt von Verlust und Traumatisierung, von Widerstand, blutiger Rache und Neubeginn. Feature von Andreas Kuba und Günter Kaindlstorfer

In seinem umstrittenen Weltkriegs-Thriller "Inglourious Basterds" zeigt Quentin Tarantino, wie ein jüdisches Geheimkommando im besetzten Frankreich des Jahres 1944 Jagd auf Nazis und Nazi-Kollaborateure macht. Tarantinos bizarre Story ist fiktiv. Die Geschichte des Wiener Juden Alfred Müller dagegen ist authentisch: die Geschichte eines realen "Inglourious Basterd".

Als Sohn einer sozialdemokratischen Familie im "Roten Wien" der 1920er und 30er Jahre aufgewachsen, flüchtet Alfred Müller im März 1939 nach Palästina. Seine Eltern werden von den Nazis ermordet. Doch Chaim Miller, wie er sich seit der Ankunft im Exil nennt, kehrt zurück. Als "Special Agent" der britischen Armee wird er Aktivist eines jüdischen Geheimkommandos. Im Herbst 1945, Millers Truppe ist im Friaul stationiert, fährt der junge Mann Abend für Abend zusammen mit seinen jüdischen Kameraden nach Österreich hinüber, um hochrangigen SS- und Gestapomännern "den Prozess zu machen". Das Procedere ist immer das gleiche: Millers Kommando fährt in britischen Uniformen vor den Häusern der NS-Schergen vor, in Villach, Lienz oder Klagenfurt, dann lädt man die Männer in forschem Ton zum "Verhör". Sobald einer der "Verhafteten" auf den Lastwagen geklettert ist, wird er gefesselt und unter einer Decke versteckt über die Grenze nach Italien zurück gebracht.

In einem Wald bei Malborghetto halten die Angehörigen von Millers Kommando dann "Gericht". "Wir hatten keine richtigen Zeugen", erinnert sich Chaim Miller: "Wir wussten nur, was man uns über die Männer erzählt hat. In den meisten Fällen haben die Täter gestanden, nur einmal mußten wir einen freilassen."

Nach dem "Prozess" - auch das läuft nach dem immer gleichen Muster ab - werden die "Verurteilten" vor die Hütte geführt und angewiesen, ihr eigenes Grab zu schaufeln. "Wenn es tief genug war", so Chaim Miller, "habe ich gesagt: ,Stell dich da rein!' Dann habe ich die Pistole gezogen, der Schuss ist gefallen, und der Mann ist liegen geblieben. Dann haben wir ihn zugedeckt und sind zurück gefahren."

Heute lebt Chaim Miller in einem Kibbuz in Israel. Auch mit Anfang neunzig arbeitet der rüstige alte Herr noch als Schlosser in der kibbuzeigenen Metallfabrik. Chaim Miller bereut nichts.

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