Gedanken für den Tag

von Amena Shakir, Islamwissenschafterin und Politologin." Als wüssten wir, was uns erwartet" - Gedanken zur islamischen Pilgerfahrt. Gestaltung: Alexandra Mantler

Gleichheit der Menschen überall

Wenn in diesen Tagen vom Islam die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit Krieg, Terror und Gewaltexzessen. Gräueltaten, welche den Islam pervertieren, welche die Mehrheit der Musliminnen und Muslime und auch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich wiederholt schärfstens verurteilt haben.

Der Islam, den ich, den viele andere Musliminnen und Muslime, auch hier in Österreich, leben, trägt ein gänzlich anderes Gesicht. Ein Gesicht, das man bei aller berechtigten Kritik und Selbstkritik nicht übersehen sollte, gerade in diesen Tagen, in denen die islamische Pilgerfahrt, der Hadsch, stattfindet.

Musliminnen und Muslime aus aller Welt haben sich allein und in Gruppen auf den Weg gemacht, um inne zu halten und um über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Der österreichische Islamgelehrte Muhammad Asad beschreibt in seiner Autobiographie "Der Weg nach Mekka" seine ersten Eindrücke:

"Gegen Mittag des zweiten Tages heulte die Schiffssirene: das war das Zeichen, dass wir uns auf dem Breitengrad von Rabigh befanden, wo die von Norden kommenden Pilger alter Überlieferung gemäß ihre Alltagskleider ausziehen und den Ihram, das Pilgergewand, anlegen müssen. Diese Gewandung, die auf eine Vorschrift des Propheten zurückgeht, bezweckt, dass es während des Hadsch keinen Unterschied gebe zwischen den Gläubigen, die von überall her zusammenströmen, um das Haus Gottes zu besuchen: keinen Unterschied zwischen Völkern, noch zwischen Reich und Arm - so dass alle wissen mögen, dass sie Brüder sind, gleichwertig vor Gott und den Menschen. Und sehr bald verschwand auf unserem Schiff jegliche bunte Kleidung der Männer, man sah keinen roten maghrebinischen Tarbusch mehr, keinen marokkanischen Burnus und auch nicht die farbige ägyptische Gallabijja: überall gab es nur jene schlichten weißen Tücher über Körpern, die sich nun feierlicher als sonst bewegten, vom Übertreten in den Pilgerstand sichtbar berührt."

Es ist für mich immer wieder faszinierend zu erleben, wie sehr im Hadsch alle Unterschiede zwischen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes "unsichtbar" werden. Indem sich die Pilger gleich kleiden, schwinden die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Alt und Jung und auch viele kulturelle und ethnische Differenzierungen. Im Gedenken an die sogenannten Hadschis bemühe auch ich mich, hier in Wien, mehr auf den Menschen selbst, der mir begegnet, zu achten, als auf ihre äußeren Erscheinungen. Denn bei allen Unterschieden, die uns vielleicht trennen, ist es doch unser Mensch-Sein, das uns verbindet und eint. Daran kann man, finde ich, gerade in Zeiten wie diesen, nicht oft genug erinnern.

Service

Alexander Tschernek

Buch, Muhammad Asad, "Der Weg nach Mekka", Verlag Patmos
Buch, Ilija Trojanow, "Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina", Malik-Verlag
Buch, Charles Le Gai Eaton, "Der Islam und die Bestimmung des Menschen", Verlag Hugendubel
Buch, Murad Hofmann, "Reise nach Mekka", Diederichs Verlag

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Playlist

Komponist/Komponistin: Wolfgang Amadeus Mozart/1756 - 1791
Titel: Konzert für Klavier und Orchester Nr.17 in G-Dur KV 453
* Andante - 2.Satz (00:10:54)
Klavierkonzert
Solist/Solistin: Rudolf Serkin /Klavier
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Claudio Abbado
Länge: 02:00 min
Label: DG 4152062

Sendereihe

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