Radiodoktor - Medizin und Gesundheit

Das "schlechte" Geschlecht - Wie werden Männer zu Gesundheitsmuffeln und Gewalttätern?

Verwegen mutige Männer - feinfühlig zarte Frauen. Der harte Kerl - das arglose brave Heimchen am Herd.
Männer haben die kürzere Lebenserwartung, weil das starke Geschlecht nicht viel von Vorsorgeuntersuchungen hält und sich insgesamt wenig um seine Gesundheit kümmert. Übermäßiger Tabak- und Alkoholkonsum, hohe Risikobereitschaft, die dementsprechenden Sportarten und stressige Berufssparten tun ihr übriges.
Diese Mischung aus Klischees und statistischen Daten ist seit Jahrzehnten das Leitbild, wenn es um Männergesundheit geht.
Wir machen uns in dieser Sendung auf die Suche nach den Hintergründen: wie entsteht männliches Verhalten?
Wussten Sie? Wenn eine Mutter aufgrund eskalierender häuslicher Gewalt mit einer Tochter und einem Sohn im Frauenhaus lebt, muss der Sohn in der Regel mit 14 die Geborgenheit und den Schutz dieser letzten Fluchtmöglichkeit aufgeben und ausziehen. Weil dann Pubertät, Hormone und nicht zuletzt die erlittenen Gewalterfahrungen das Risiko erhöhen, dass der heranwachsende Mann selbst zum Gewalttäter wird.
Wussten Sie, dass einer der Gründe, warum Burschen eher zu harten und verbotenen Drogen greifen, der ist, weil sie es dann nicht mit einem Arzt, sondern mit der Polizei zu tun bekommen - sie damit also ein gewisses Risiko eingehen und sich als besonders männlich fühlen?
Bei ähnlichen Problemstellungen und Konflikten verhalten sich die Geschlechter unterschiedlich: Frauen ritzen sich, werden magersüchtig, … Männer werden aggressiv und schädigen andere …
Ist das angeboren? Oder sind es doch die von der Gesellschaft vermittelten Rollenbilder, denen "mann" einfach nicht entkommt?
In Österreich erleben rund ein Fünftel der Kinder psychische oder physische Gewalt, so eine vom Familien- und Jugendministerium in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2009. Zusätzlich ist bereits das Miterleben von Gewalt - etwa des Vaters gegenüber der Mutter - als Gewalterlebnis einzustufen.
Ist demnach also jeder fünfte Bub aufgrund der schrecklichen Erlebnisse und des Fehlens eines positiven Männerbildes zur Täterschaft gezwungen? So aussichtslos ist die Sache nicht. Für Kinder sei nicht das Geschlecht einer Bezugsperson von Bedeutung, sondern die Qualitäten in einer Beziehung - wie Stabilität, Sicherheit, Aufmerksamkeit, Liebe und Fürsorge, um unbeschadet aufzuwachsen, so unser Experte Wilhelm Tenner, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Der Geschlechtsforscher Paul Scheibelhofer, mit der Spezialisierung "Männlichkeitsforschung", behauptet, dass ganz in der Tradition von Simone de Beauvoir, auch Männer nicht als Männer geboren, sondern zu Männern gemacht werden.
Mag. Romeo Bissuti, von der Männerberatung Wien, gibt zu bedenken, dass die wichtigen Probleme dieser Welt alle mit männlichem Verhalten zu tun haben und die Gleichstellung der Frau nur darüber erreicht werden kann, wenn Männer sich mit neuen Rollenbildern anfreunden können.

Eine Bestandsaufnahme von Uschi Mürling-Darrer.
Redaktion: Christoph Leprich

Service

Philipp Leeb (Pädagoge, Obmann von Poika - Verein zur Förderung von gendersensibler Bubenarbeit in Erziehung und Unterricht)
Mag. Romeo Bissuti (Klinischer- und Gesundheitspsychologe, Männerberatung Wien & Informationsstelle für Männer)
Dr. Wilhelm Tenner (Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Neuropädiatrie), ÖÄK Diplom f. Psychotherapeutische Medizin)
Dr. Paul Scheibelhofer (Soziologe & Geschlechterforscher, Institut für Soziologie, Universität Wien)
MEN - Gesundheitszentrum für Männer und Burschen
Verein Wendepunkt
WUK Monopoli: Social Skills - Konflikt- und Verhaltenstraining für männliche Jugendliche
Überregionales Krisenzentrum für männliche Jugendliche, Krisenzentrum Pleischlgasse
Männernotruf - 0800/246 247

Euline - Hotline gegen Gewalt
0820/439 258 (entspricht dem Wort GEWALT auf der Tastatur)

White Ribbon - Kampagne gegen Gewalt
Gewaltinfo.at, Bundesministerium für Familien und Jugend
Boysday - Chancen jenseits einer geschlechterstereotypen Berufswahl
Verein Selbstlaut gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben
Die Taschenanwältin - Rechts-Ratgeberin für Jugendliche
Kinder- und Jugendanwaltschaften in Österreich
Informationen zum Jugendschutz in Wien
Netzwerk Kinderrechte Österreich
UNICEF Kinderrechte
Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark
Caritas Familienzentrum Burgenland
Männerberatung des Kärntner Caritasverbandes
Gewaltberatung Männerwelten Salzburg
Mannsbilder - Männerzentrum Innsbruck
IFS Gewaltberatung - Klartext, Vorarlberg

Sendereihe