Radiokolleg - Paroli bieten

Ein Plädoyer für die Freie Rede (1). Gestaltung: Nicole Dietrich

Das Recht auf freie Rede - die Meinungsfreiheit - ist 225 Jahre alt. 1789 wird es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich festgeschrieben; ein kulturell und politisch erkämpftes Recht. Jeder darf sagen, was er/sie denkt. Damit verbinden sich Selbstbestimmung und Faszination des "Laut-Aussprechens", eine Kraft, die aber auch einschüchtern kann. Denn wer die Freiheit hat, hat auch die Qual der Gestaltung und den Zwang zur Selbstdarstellung.

Nicht jedem Menschen ist die geschliffene, witzige oder charmante Artikulation eines Anliegens in die Wiege gelegt. Wer sich für einen Job bewirbt oder einen Vortrag hält, mag den Druck und die damit verbundenen Schweißausbrüche kennen. Moderne Medien helfen aus. Mit Präsentationstools wie PowerPoint sind viele Konferenzen heute Wettbewerbe in medial-visueller Inszenierung. Mit Kaskaden von bunten Tabellen, Bildern und verschriftlichten Botschaften sind Dramaturgie und Aufbau des Vortrags besiegelt. Das Publikum darf mitlesen, vor- und zurückschauen und nebenbei zuhören. Aber was bleibt von all dem Gesagten im Gedächtnis?

Die Kunst des freien Sprechens, mit der Stimme allein, geleitet von verinnerlichten Bildern und Gedanken, beherrschen wenige. Ursprünglich von der Brillanz antiker Rhetorik angestoßen und von mittelalterlichen Memotechniken bewahrt, scheint die freie Rede mit der Option auf Instant-Befragung im Worldwide Web zu einer Fußnote der Kulturgeschichte zu verkümmern. Und auch die Kunst des Geschichtenerzählens ohne Bild und Ton aus der Steckdose, ohne zerstückelte "Level-Dramaturgie", mag es demnächst auf den Index bedrohter Kommunikationsformen schaffen. In der Aufmerksamkeit der Anderen kristallisiert sich die Macht. Wer seine Gedanken in die Köpfe und Herzen der Menschen zu pflanzen versteht, hat schon halb gewonnen. Das ist Standard in jedem Selbstpräsentations- und Bewerbungs-Worksshop.

Cicero, der sich in die kulturelle Unsterblichkeit zu reden verstand, oder der von einer Sprechbehinderung geplagte Demosthenes, der als Athens größter Redner galt, sind es ebenso wert, ins Gedächtnis gerufen zu werden, wenn es um Fragen geht wie: Was hemmt, was fördert den Redefluss? Wie bekommt man die notwendige Selbstsicherheit, um den "roten Faden" zu halten? Was bewirken Hilfsmittel wie Karteikarten, Teleprompter oder Haltungstraining? Ist es Begabung oder kann das freie Reden erlernt werden? Wie steht es um kulturelle und soziale Unterschiede in der Sprachsicherheit? Und gibt es die Freiheit der Rede überhaupt noch?

Service

Japanische Kurzpräsentation:

Pecha Kucha Night - Viennna Art Week 2014, 17.11. im Museumsquartier, quartier21




Seminar für Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen

Jürgen Heckel: Kommunizieren lernen. Anregungen zur Selbsthilfe

"Powers of Speech" Project on Public Speaking with Premieres from Four Countries, Siemens Stiftung 2011

Debattierklub Wien

Bundes-Jugendredewettbewerb, BMFJ

Wiener Vorlesungen - Das Dialogforum der Stadt Wien

ic2 concepts & trainings (Trainer Ronny Hollenstein)



Heckel, Jürgen: Frei Sprechen lernen. Ein Leitfaden zur Selbsthilfe, A1 Verlag, 2006.

Kaufhold, Martin (Hg.): Die großen Reden der Weltgeschichte. Marix Verlag 2007.

Leitgeb, Christoph: Die Inszenierung von Mehrsprachigkeit in der Konversation Germaine de Staëls, in: Hermann Blume/ Elisabeth Großegger / Andrea Sommer-Mathis / Michael Rössner (Hg.): Inszenierung und Gedächtnis. Soziokulturelle und ästhetische Praxis. Transcript Verlag 2014.

Leitgeb, Christoph: Der Clown und die Grazie. Zur Transmedialität in Hofmannsthals Schwierigem, in: Sprachkunst XLI (2010/1), S.3-16

Posselt, Gerald : Katachrese. Rhetorik des Performativen. Fink Verlag 2005.

Posselt, Gerald : Demokratie und das Risiko der Wortergreifung, in: Der Standard, 31.7.2013

Stroh, Wilfried: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. Ullstein Verlag 2009.

Torra, Elias: Rhetorik, in: Pechlivanos, Miltos u.a. (Hg.): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart/Weimar: Metzler 1995, S. 97-111.

Ueding, Gert: Was ist Rhetorik? Eine Einführung in die Theorie und Geschichte der Rhetorik. 2002.

O.A.: Reden, die die Welt bewegten. Mundus Verlag 1985.

Sendereihe

Mehr dazu in oe1.orf.at

Hörspiel-Studio

DI | 30 September 2014

Libro-Prozess beginnt

Konkurs vor zehn Jahren

Libro-Prozess: Rettbergs "Visionen"

Von Bilanzen "kaum Ahnung"