Gedanken für den Tag

von Ines Knoll, evangelische Pfarrerin. "Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein" - Zum 140. Geburtstag von Albert Schweitzer. Gestaltung: Alexandra Mantler

Ein Kind spielt in einem Frühling mit seinen Kinder-Freunden. Was spielt denn das Kind gerne draußen in der freien Natur? Es schleudert Steine zum Spaß mit selbst gebastelten Steinschleudern. Es ist ein Sonntagmorgen in der Passionszeit, da wird das Kind von seinen Spielkameraden in den Spielplan von heute eingeweiht. Mit Steinen wollten sie heute auf Vögel schießen.

Das Kind ist empfindsam und es ist fromm. Es kann kein Tier leiden sehen. Das Kind leidet am Leiden der Welt mit. Das liegt wahrscheinlich an seinem Gemüt, aber auch an der Erziehung seiner Eltern, der Vater ist Pfarrverweser, die Mutter Tochter eines evangelischen Pfarrers. Das Kind hat auch ein Gespür für den Schmerz der Welt, weil es mit seinen Geschwistern eine - wie er später über sein Leben sagt - sehr glückliche Kindheit hat:

Albert Schweitzer, geboren am 14. Jänner 1875 zu Kaysersberg im Elsass, ist zu diesem Zeitpunkt etwa acht Jahre alt und kann es nicht fassen, dass die Vögelchen, die so lieblich in den Tag hinein singen, das Opfer eines bösen Bubenstreichs werden sollten. Als die Kinder die Hand an die Schleuder legen, unterbricht die Kirchenglocke die böse Absicht. Für Albert Schweitzer war es eine "Stimme aus dem Himmel". Er legt seine Schleuder weg und scheucht die Vögelchen auf und flieht nach Hause.

Diese Entscheidung, zu der er gerufen worden ist, wird er sein ganzes Leben nie mehr vergessen: "Immer wieder gedenke ich ergriffen und dankbar der Glocken, die damals in den Sonnenschein hinaus klangen und mir das Gebot ‚Du sollst nicht töten' ins Herz geläutet haben. Langsam entstand in mir die unerschütterliche Überzeugung, dass wir Tod und Leid über ein anderes Wesen nur bringen dürfen, wenn eine unentrinnbare Notwendigkeit dafür vorliegt, und dass wir alle das Grausige empfinden müssen, das darin liegt, dass wir aus Gedankenlosigkeit leiden machen und töten."

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Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Album: Werke für Oboe und Cembalo
* Sarabande - 3.Satz (00:04:16)
Titel: Sonate für Oboe solo in g-moll BWV 1013
Solist/Solistin: Ingo Goritzki /Oboe
Länge: 02:00 min
Label: Claves 50908

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SA | 20 Dezember 2014