Radiokolleg - Was das Blutbild verrät

Spurensuche im Kreislauf unseres Lebens (2).
Gestaltung: Lothar Bodingbauer

Im Tropfen Blut stecken viele wertvolle Informationen. Eine halbe Stunde nach der Entnahme einer Blutprobe kann der Arzt schon einen ersten Überblick über den gesundheitlichen Zustand des Untersuchten geben. Es werden beim "großen" und beim "kleinen" Bluttest die zellulären Bestandteile des Blutes untersucht. Das Ergebnis besteht aus einer Liste von Messgrößen, die sich beim gesunden Menschen nur in definierten Grenzen bewegen dürfen. Abweichungen geben Auskunft über mögliche bestehende Erkrankungen, aber auch über mögliche Risikofaktoren für Krankheiten, die sich erst in Zukunft entwickeln werden.

Das Blut wird auch als "flüssiges Organ" bezeichnet, 5-7 Liter besitzt ein erwachsener Mensch. Gemeinsam mit den Blutgefäßen verfügt der Körper über ein großartiges Transport- und Logistiksystem, das alle Körperteile verbindet. Es ist für Hämatologen - Blutspezialisten - ein offenes Buch, ein Fenster in unseren Körper, das Einblicke in alle Organe und Gewebe gibt.

Entzündungen werden im Blutbild sichtbar, der Zustand und mögliche Einschränkungen in der Immunabwehr, Probleme in der Sauerstoffaufnahme. Signalstoffe und sogenannte "Marker" für Krankheiten und Risiken spielen im Gesundheitsbetrieb eine immer größer werdende Rolle. Herzinfarkt-Marker, Krebs-Marker, viele Warnsignale des Körpers sind durch Bluttests erkennbar. Auch im Spitzensport sind wichtige Leistungsparameter durch das Blutbild bestimmbar. Nicht zuletzt sind Dopingtests immer auch mit Blutabnahmen verbunden, die Ergebnisse haben Beweiskraft.

Sensiblere Bluttests sind nicht immer nur ein Glück für die Untersuchten. Mit der zunehmenden Genauigkeit von Analysenmethoden wird es für den Arzt zwar leichter, auch Spuren von schädlichen Stoffen im Blut zu bestimmen, andererseits wird es immer schwieriger, die erhaltenen Ergebnisse auch sinnvoll zu bewerten. Lebensgewohnheiten sind ablesbar: Rauchen, Alkoholmissbrauch, Mangelernährung. Im Blutbild ist immer eine individuelle Verteilung der Bestandteile sichtbar, die erst im Kontext des Untersuchten richtig gedeutet werden können. Methoden der Risikoanalyse und Wahrscheinlichkeitsbewertungen müssen von Ärzten erlernt werden, die Entwicklung der Kommunikation zum Patienten muss mit der Genauigkeit der Ergebnisse Schritt halten.

Bluttests haben auch eine hohe ökonomische Bedeutung. Für die Industrie sind Bluttests eine bedeutende Einnahmequelle. Ihre Entwicklung kostet Geld. Neue und sensiblere Methoden werden entwickelt. Am Ende soll es aber den Menschen besser gehen, und so erfordert der Einsatz von Bluttests auch immer wieder neue und angepasste ethische Bewertungen.

Eine Spurensuche im Blut ist auch ein Blick in die Vergangenheit, in die Kulturgeschichte der Medizin, denn das Bild über den Menschen wurde immer schon durch das Bild von seinem Blut geprägt.

Radiokolleg

DI | 15 03 2016 | 9:30