Insulinpens und Nadeln

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Diabetes bei Kindern

Anlässlich des ORF Schwerpunktes zum Thema Zucker widmen wir uns heute den vielfältigen Problemen rund um den Typ-1-Diabetes.

Die Liste der Forderungen von Expertinnen und Experten ist lang. Mehr Geld für die spezialisierten Kinder-Ambulanzen, mehr psychologische Planstellen zur Unterstützung der betroffenen Familien, mehr Aufklärung für Kindergärten und Schulen und schließlich eine bessere Regelung des Übergangs von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin, damit eine Kontinuität im Betreuungsangebot gewährleistet werden kann.

Der juvenile Diabetes stellt die Medizin vor große Rätsel: Man kennt weder die Ursachen, noch weiß man, warum diese Form des Diabetes so stark im Steigen begriffen ist. In Österreich sind etwa 1.500 Personen unter 15 Jahren davon betroffen, wobei sich diese Zahl seit der Jahrtausendwende verdoppelt hat. Und nicht nur das, es erkranken immer jüngere Kinder.

Der sogenannte Typ-2-Diabetes ist hauptsächlich selbstverantwortet - weil Folge eines ungesunden Lebensstils. Ganz anders jedoch beim Typ-1-Diabetes, unter dem etwa 10 Prozent aller Zuckerkranken leiden: Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die Insulin-produzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse vom eigenen Abwehrsystem zerstört werden. Die genaue Ursache dafür ist wie gesagt trotz aller Forschungsanstrengungen noch ungeklärt - auch wenn man aus Zwillingsstudien weiß, dass es eine genetische Komponente gibt. Viruserkrankungen, Umweltfaktoren und Nahrungsbestandteile stehen ebenfalls im Verdacht an dem Geschehen mitzuwirken, das letztlich den Autoimmunprozess auslöst.

Ein Drittel aller Typ-1-Diabeteserkrankungen wird leider erst in einem hoch akuten und lebensbedrohlichen Stadium erkannt, was auch am mangelnden Wissen des Umfeldes liegt.
Mit Typ-1-Diabetes zu leben erfordert permanente und lebenslange Disziplin, wobei mehrmals täglich der Blutzuckerspiegel kontrolliert werden muss und die Essensaufnahme immer eine gewisse Planung voraussetzt. Was bei Kindern in der Regel ganz gut funktioniert, kann aber gerade für junge Menschen in der Pubertät eine Herausforderung bedeuten, da es in der Phase der Adoleszenz wichtig ist, Grenzen zu überschreiten, um sich selbst zu erfahren.

Dass man dieser Erkrankung aber auch positive Aspekte abgewinnen kann, beweist unser jugendlicher Studiogast. Ansgar Gustafson's Umgang mit der Erkrankung kann andere Betroffene inspirieren. Er betreibt mehr Sport, lebt bewusster und gesünder und seine schulischen Leistungen haben sich gebessert, sagt er.
Aber nicht allen Kindern und Jugendlichen geht es aus unterschiedlichen Gründen damit so gut. Vor allem, da es für Kindergärten und Schulen keine rechtliche Verpflichtung gibt, bei akuten Problemen helfend einzugreifen. Die Angst aus Unwissenheit etwas falsch zu machen, ist verständlicherweise groß. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht medizinisch ausgebildet. So manche Familie muss sich dann damit abfinden, ihr krankes Kind in eine Integrationsklasse zu geben.

Auch die Teilnahme an Veranstaltungen wie etwa Schikursen ist manchen Kindern einfach nicht möglich, außer ein Elternteil fährt mit. Aufgrund dieser Faktoren ist es nicht verwunderlich, dass Spannungen und Konflikte in den Familien auftreten.
Psychologische Unterstützung wirkt in diesen Fällen sehr entlastend, nur wird sie häufig nicht im dafür nötigen Maße angeboten.

Aus diesem Grund hat die Psychologin Caroline Culen den Verein CUKO gegründet, der sowohl Eltern als auch betroffenen Kindern ein umfangreiches Programm anbietet. Denn es ist wichtig zu lernen, dass die Verantwortung fair auf die Familienmitglieder aufgeteilt wird.
Die rasant verlaufenden, technologischen Weiterentwicklungen sorgen dafür, dass viele der nötigen Diagnose- und Therapiemaßnahmen zumindest einfacher und komfortabler geworden sind.

Mittlerweile gibt es Blutzuckermessgeräte, die am Körper getragen werden und die die Werte kontinuierlich abfragen und speichern. Auch zu den Insulinspritzen gibt es Alternativen - wie etwa am Körper getragene Pumpen, die es in kleinen und unauffälligen Ausführungen gibt.
Die Vision der sogenannten "künstlichen Bauchspeicheldrüse" könnte in naher Zukunft Realität werden, jedenfalls wird eifrig dazu geforscht. Damit würden computergesteuerte Systeme den Blutzuckerspiegel im Körper mit Sensoren überwachen und die nötigen Befehle vollautomatisch an die Pumpe zur Insulinausschüttung weitergeben. In der Folge könnte ein konstanter und möglichst niedriger Blutzuckerspiegel erreicht werden, der vor etwaigen Spätfolgen schützt.

Diesmal diskutiert Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz mit seinen Gästen darüber, welchen Einfluss diese Erkrankung auf das Leben der Betroffenen und das gesamte familiäre und schulische Umfeld hat und welche neuen, technischen Errungenschaften den täglichen Umgang mit Typ-1-Diabetes erleichtern können.

Service

Studiogäste im Funkhaus Wien:

Priv.-Doz.in Dr.in Elke Fröhlich-Reiterer
Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Klinische Abteilung für allgemeine Pädiatrie
Medizinische Universität Graz
Auenbruggerplatz 34/2
A-8036 Graz
Tel: +43/316/385 80562
E-Mail
Website

Mag.a Caroline Culen
Klinische und Gesundheits-Psychologin, Supervisorin
Mitbegründerin des Vereins CUKO
CUKO
Osterleitengasse 7
A-1190 Wien
E-Mail
Website

Ansgar Gustafson
Schüler


Weitere Anlaufstellen und Infos:

Österreichische Diabetesvereinigung

Diabetesambulanzen nach Bundesländern

Österreichische Diabetes Gesellschaft

Verein CUKO

Selbsthilfegruppe Lobby4Kids

DIABÄR - Verein für Diabetiker der Universitätskinderklinik Graz

Verein Aktive Diabetiker Austria (Wien)


Buchtipps:

Peter Hürter, Wolfgang von Schütz, Karin Lange,
"Kinder und Jugendliche mit Diabetes: Medizinischer und psychologischer Ratgeber für Eltern"
Springer 2016
ISBN-13: 978-3642206825

Renate Jäckle
"Gut leben mit Typ-1-Diabetes: Arbeitsbuch zur Basis-Bonus-Therapie"
Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH 2010
ISBN-13: 978-3437457562

M. Kellerei; E. Siegel
"Typ-1-Diabetes: Pocket Guideline"
Börm Bruckmeier 2012
ISBN-13: 978-3898629164

Jesper Juul
"Unser Kind ist chronisch krank: Kraftquellen für die ganze Familie"
Beltz 2014
ISBN-13: 978-3407229397

Martin Pinquart
"Wenn Kinder und Jugendliche körperlich chronisch krank sind: Psychische und soziale Entwicklung, Prävention, Intervention"
Springer 2012
ISBN-13: 978-3642312762

Sandra Bachmann
"Die Situation von Eltern chronisch kranker Kinder"
Hogrefe 2014
ISBN-13: 978-3456854441

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