Was Helfer/innen antreibt

von Dr. Gisela Malekpour (St. Pölten).

Herbst 2015. Tausende Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror, politischer oder religiöser Verfolgung, quer durch unser Land. Hunderte Menschen als freiwillige Helferinnen an Grenzübergängen und Bahnhöfen, in Zeltlagern, Turnhallen und Kirchen.

Frauen und Männer, Seniorinnen und Jugendliche, alteingesessene Österreicherinnen und solche mit Migrationshintergrund. Christinnen und Muslima, Agnostiker und Atheisten. Sie verteilen Essen und Kleidung, dolmetschen, oder leisten medizinische Versorgung.
Alle arbeiten freiwillig, ehrenamtlich und unentgeltlich. Manche sporadisch, andere verbringen ihren gesamten Urlaub im Einsatz für die notleidenden Flüchtlinge. Sie alle übernehmen als Katastrophenhelfer und Helferinnen die Aufgaben, die eigentlich der Staat leisten müsste.

Anders aber als bei Naturkatastrophen kümmert sich kein Kriseninterventionsteam um die Bedürfnisse der Helferinnen. Niemand fragt, wie sie mit der seelischen und körperlichen Belastung zurechtkommen, ihre Eindrücke und das Erlebte verarbeiten.
Zumindest war ihnen zu dieser Zeit eine positive mediale Berichterstattung sicher. Sie waren das "gute, weil hilfsbereite Gesicht Österreichs". Und manchmal fand sich sogar ein Politiker ein, um verbales und tatsächliches Schulterklopfen auszuteilen.

Den Helferinnen wäre das schon Dank genug gewesen. Doch schon bald kippte die Stimmung. Die "das Boot ist voll" und "die Grenzen dicht"- Mentalität nahm überhand. Obwohl sie das Richtige taten, schien es fast so, als müssten sie sich dafür rechtfertigen. Die zuvor Gelobten wurden als naiv abgetan und spöttisch unter dem Begriff "Gutmenschen" zusammengefasst. Dieses Schlagwort stammt aus der dunkelsten Zeit unserer Geschichte.

Als Gutmenschen wurden im NS-Regime verächtlich Menschen bezeichnet, die Verfolgten, ob Juden, Sinti, Rom, oder politisch Andersdenkenden Unterschlupf gewährten und ihnen somit halfen, den Nazi-Schergen zu entkommen.

Später akzeptierte man aber nur allzu selbstverständlich, dass sich die derart Bezeichneten nahtlos in der Integrationsarbeit für diejenigen Flüchtlinge einbrachten und bis heute einbringen, die in unserem Land um Asyl angesucht haben.

Jetzt geben sie Deutschunterricht, begleiten auf Behördenwegen, bieten Lernunterstützung für Kinder und Jugendliche und vieles mehr. Sie tragen damit mehr zu einem friedlichen Miteinander in unserem Land bei, als diejenigen, die ihr Heil in Mauern und Zäunen um unser Land und in den Köpfen der Menschen sehen. Trotz abschätziger Bemerkungen und manchmal sogar Anfeindungen gehen sie ihren Weg unbeirrt weiter, getragen von einer zutiefst menschlichen und einander wertschätzenden Einstellung.

Ob dieser der kategorische Imperativ Immanuel Kants, das Gebot der Barmherzigkeit des Islam, oder das christliche Postulat nach unbedingter und uneingeschränkter Nächstenliebe zugrunde liegt, wird von den Hilfesuchenden selten hinterfragt. Den Helferinnen ist in ihrer Arbeit über Weltanschauungs-, Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg, die bedingungslose Einhaltung und Wahrung der Menschenrechte ein unumstößliches gemeinsames Anliegen.

Es scheint somit angemessen, dass sich diejenigen, die sich die Verteidigung des vermeintlichen christlichen Abendlandes auf ihre Fahnen geheftet haben, auf eben diese christlichen Werte zurückbesinnen. Helfen kann dabei die Bibel. In der Bergpredigt im Matthäusevangelium heißt es: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich!"

Auch der Prophet Jesaja hat das schon gewusst: "Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn!"

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