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ORF/MATTHIAS DÄUBLE

Anna Mitgutsch über Zeit und Gedächtnis

Die Schriftstellerin Anna Mitgutsch geht der Frage nach, warum immer mehr Menschen immer weniger Zeit haben. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Wir leben in einer geradezu atemlosen Vergessenskultur, einer Besessenheit mit den Ereignissen des Augenblicks, die uns nur mehr selten Zeit für die Auseinandersetzung mit der Frage nach größeren Zusammenhängen lässt.

Die schiere Masse täglich neu verfügbarer, ungeprüft ins Netz gestellter Informationen ist so überwältigend, dass es sich oft nicht mehr lohnt, sich mit Nachrichten auseinanderzusetzen, die eine Woche oder gar einen Monat alt sind. Sie sind abgelegte Vergangenheit und längst von den neuesten Nachrichten überholt. Lieber beschäftigen wir uns mit Spekulationen über die Zukunft ungesicherter Neuigkeiten, der sogenannten breaking news, um die es vielleicht schon morgen wieder still werden kann, worauf auch wir sie sofort vergessen dürfen. Die Frage, was hinter ihrem raschen Verschwinden steckt, erübrigt sich dann.

Um mit dem fortwährenden chatten, twittern und liken auf den verschiedenen Foren Schritt zu halten, bedarf es eines riesigen Ideenshredders, um alles, was älter ist als ein paar Wochen zu vernichten. Es ist, als säßen wir in einem Schnellzug, und was vorbeirast, ist nichts weniger als unser Leben.

Apropos Schnellzug: Dort hörte ich ein Gespräch zweier Studenten mit. Sie unterhielten sich über einen wissenschaftlichen Aufsatz und fanden ihn etwas schwerfällig und weltfremd, aber doch recht intelligent, meinte der eine, wenn man bedenkt, dass er aus den sechziger Jahren ist. Später, als sie sich über WhatsApp-Neuigkeiten austauschten, war von der überlegenen Distanz weniger zu spüren. Vielleicht braucht jeder Mensch einen Anhaltspunkt, von dem aus er die Welt betrachtet, und das ist Jean Améry zufolge, die Zeit, mit der man sich ganz und gar im Einklang fühlt.

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Playlist

Komponist/Komponistin: Felix Mendelssohn Bartholdy/1809 - 1847
Album: MENDELSSOHN BARTHOLDY: DAS GESAMTE WERK FÜR STREICHQUARTETT / VOL.1
Titel: Capriccio für Streichquartett in e-moll op.81 Nr.3
Ausführende: Artis Quartett Wien
Ausführender/Ausführende: Peter Schuhmayer /Violine
Ausführender/Ausführende: Johannes Meissl /Violine
Ausführender/Ausführende: Herbert Kefer /Viola
Ausführender/Ausführende: Othmar Müller /Violoncello
Länge: 02:00 min
Label: Accord 200342

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