Radiogeschichten

Ex Libris-Nachlese. Walter Benjamin: "In der Sonne".
Es liest Nikolaus Kinsky. Gestaltung: Peter Zimmermann

Am 26. September 1940 hat sich Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis im Französisch-Spanischen Grenzort Portbou das Leben genommen. Der damals 48-jährige Schriftsteller und Kulturphilosoph wurde posthum zu einem der einflussreichsten deutschsprachigen Denker des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten hatte es Benjamin schwer, mit seinen Büchern breite Anerkennung zu finden, der Großteil seines Werks ist erst nach seinem Tod publiziert worden.

Sein umfangreichstes Projekt das Passagenwerk, in dem er den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert durch eine Art Archäologie der Stadt Paris darstellen wollte, ist Fragment geblieben. Lorenz Jäger, Autor und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat nun eine Biografie geschrieben, die vor allem eine detaillierte Werkanalyse ist: Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten" ist ihr Titel.
Diese Zuschreibung - der Unvollendete - kann man entweder so verstehen, dass Benjamin durch seinen Selbstmord auf der Flucht 1940 ein Werk hinterließ, das als Gesamtkunstwerk bruchstückhaft war. Man kann sie aber auch im Zeichen der Erlösung verstehen, eines zentralen Begriffs im Denken Benjamins. Diese Erlösung als Sinn von Geschichte ist nicht eingetreten.

Dennoch gibt es wenige Schriftsteller - oder sagen wir: Intellektuelle, bei denen Leben, Denken und Werk so sehr miteinander verflochten sind wie bei Walter Benjamin. Das macht ihn ja auch heute noch so interessant. Seine Zeitgenossen Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer, Ernst Bloch oder Bertolt Brecht muten viel distanzierter zu ihrer Arbeit an, versierter in lebenspraktischen Dingen, auch als mehr oder weniger geschickte Netzwerker und Selbstvermarkter. Benjamin, dessen äußere Erscheinung Lorenz Jäger im Buch immer wieder beschreibt, war da eher ein Bewohner jener verzauberten Welt, an die er selbst glaubte.

Er war einerseits geprägt von der jüdischen Mystik, andererseits vom historischen Materialismus, also von Marx und damit von einer ganz und gar rationalen Analyse von Welt und Gesellschaft. Beides wollte er zusammenführen und geriet dabei in eine religiöse Dimension des politischen Denkens.

Oft ist es schwer, Benjamins Sätzen zu folgen. Auf akademischer Ebene ist er mit seiner Art des Denkens und Formulierens gescheitert und auch seine intellektuellen Freundschaften hat er stets auf eine harte Probe gestellt. Er war eben einem Extremismus zugeneigt, der keinen Widerspruch vertrug, schreibt Lorenz Jäger.

Sendereihe