Hubert Gaisbauer über die Arbeit

Arbeit ist eine unverzichtbare Farbe im Spektrum Religion. Allerdings nur dann, wenn sie sich nicht selber zum Religionsersatz ermächtigt, meint der Publizist Hubert Gaisbauer, der sich in der Woche vor dem 1. Mai Gedanken zum Thema "Lieben und arbeiten" macht. - Gestaltung: Alexandra Mantler

"Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe", schrieb der oft zitierte libanesisch-maronitische Schriftsteller und Maler Khalil Gibran. So schön dieser Satz auch sein mag - und wünschenswert, dass er stimmt - die Wirklichkeit der Arbeitswelt gehorcht nicht immer dem Anspruch einer orientalischen Weisheit.

Arbeit ist einfach Arbeit, sie erhält das Leben und nützt es langsam ab. Selbst wo Arbeit als höchster Impuls des Menschen beginnt, wird sie immer auch Trott, Mühseligkeit der Wiederholung, ein Sich-Einfügen-Müssen, also Gehorsam und Verzicht. Einwilligung in die Ordnung des Universums. Teilhabe an der Fortdauer der Schöpfung.

Doch - zum Beispiel - die Zärtlichkeit der Geigenbauerin. Wenn unter ihren Händen Form und Klang entstehen, lässt sich ahnen, dass der Satz "Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe" auch seine Gültigkeit hat. Sichtbar wird da die Liebe im gemaserten, honigfarben polierten, mit äußerster Sorgfalt ausgesuchten Holz des Resonanzkörpers. Da wird Arbeit - als Liebe - sogar hörbar.

Mit den Worten der Philosophin und Mystikerin Simone Weil ist der schönste Lohn guter Arbeit, "ganz im Innersten die Existenz der Welt zu spüren." Da hatte es der Schmied noch gut, und der Müller, und mein Vater, der Wagner. Ja und der Bauer natürlich.

Wie es aber gelingen mag, angesichts eines Bildschirms voller Zahlen, Kurven und Tabellen ganz im Innersten die Verbundenheit mit der Welt, der Materie, der Mutter Erde zu spüren, und in der Arbeit die Liebe sichtbar zu machen, darauf weiß wenigstens ich keine Antwort.

Service

Kostenfreie Podcasts:
Gedanken für den Tag - XML
Gedanken für den Tag - iTunes

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach
* Adagio
Titel: Sonate No. 3 in C major BWV 1005
Ausführende: Mark Lubotsky/Violine
Länge: 02:00 min
Label: Brilliant Classics 93102/11

Sendereihe

Gestaltung