Hubert Gaisbauer über die Arbeit

Arbeit ist eine unverzichtbare Farbe im Spektrum Religion. Allerdings nur dann, wenn sie sich nicht selber zum Religionsersatz ermächtigt, meint der Publizist Hubert Gaisbauer, der sich in der Woche vor dem 1. Mai Gedanken zum Thema "Lieben und arbeiten" macht. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Als ich ein Kind war, hatte der Sonntag immer schon am Samstagabend begonnen. Wir Buben mussten alle Schuhe putzen und dann im hölzernen Wäscheschaff baden. Der Boden der Stube wurde aufgewaschen, alles duftete nach Seife. Die Mutter hat das Sonntagsgewand über den Sessel gehängt, den dunkelblauen Anzug, den habe ich nur am Sonntag anziehen dürfen, wenn wir in die Kirche gegangen sind.

Nur am Sonntag hat es mittags einen duftenden Braten gegeben. Und wirklich Ruhe. Es war der einzige Tag, an dem ich meinen Vater lesen gesehen habe. Am Sonntag haben wir manchmal mitsammen gespielt. "Mensch ärgere dich nicht." Während der Woche hatte er nie Zeit dafür gehabt und am Abend war er zu müde.

Wenn ich am Sonntag die Werkstatt des Vaters betrat, erschien auch sie mir erfüllt von einer feiernden Ruhe. Sogar die Maschinen und das Werkzeug strömten diese Ruhe aus. Es war, als schöpften auch sie Kraft für die Arbeit einer neuen Woche.

Der Sonntag gehört zu den Anstrengungen der Woche wie die Rast auf dem Gipfel zu einer Bergwanderung. Die Ruhe achtsam auskosten lernen, den Sonntag als "Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit" genießen, um dabei auch die anderen Früchte des Lebens auf dieser uns anvertrauten Erde in einem neuen, ungewohnten Licht sehen!

Ruhe ist mehr als Erholung für neuerliche Arbeit. Sie bietet Platz für Feier und Spiel und ist der arglose Nährboden, auf dem die Ideen wachsen und reifen können. Ruhe will nichts. Wie die Liebe. Sie erfüllt keinen Zweck, so hat sie Sinn. Und alle Arbeit ist leer, wenn die Ruhe fehlt. Und die Liebe.

Service

Kostenfreie Podcasts:
Gedanken für den Tag - XML
Gedanken für den Tag - iTunes

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach
* Ciacona
Titel: Partita No. 2 in D minor BWV 1004
Ausführende: Mark Lubotsky/Violine
Länge: 02:00 min
Label: Brilliant Classics 93102/11

Sendereihe

Gestaltung