Martin Schenk über Achtung und Würde

Wer nicht im Licht steht, wird suchen, was in seinem Alltag verloren zu gehen droht: Achtung und Würde, meint Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich

Der Eintritt ein Gedicht. Der Zugang ein Lied. Der Türöffner eine Kurzgeschichte. Am Abend wird zum Treff in die Diakonie-Notstelle s`Häferl geladen, dem Wirtshaus für Leute, die es eng haben und am Limit leben.

Gekommen sind Anneliese, die mit ihrer Mindestpension mehr schlecht als recht durchkommt, da ist Kurt, den der Arbeitsmarkt ausgespuckt hat wie ein ungenießbares Stück Fleisch, gekommen ist Lisa, die mit Krankheit und dem Alltag kämpft. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Anneliese liest ihre vor einigen Tagen verfasste Kurzgeschichte über eine verflossene Liebe vor, Kurt gibt Stanzln aus seiner früheren Arbeit zum Besten, Lisa wagt sich an ein Gedicht, das ihr in der Straßenbahn eingefallen ist. Alle sind sie sonst als unbrauchbar abgestempelt worden, vom Arbeitsmarkt als chancenlos tituliert, in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht. Doch hier im Häferl wird das wie zu einer "Inventur der verborgenen Talente", all die ökonomisch entwerteten Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen werden gehoben, sichtbar und hörbar.

Anderer Schauplatz. Gespräche und Interviews mit angelernten Arbeitern, Facharbeitern sowie prekär beschäftigten Frauen in der Steiermark. Die Männer haben Entlassungen, Wiedereinstellungen und wieder Entlassungen erlebt. Die Frauen berichten von unsicheren, schlecht bezahlten Jobs, langen Phasen der Erwerbslosigkeit und der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die schwierigen Arbeitsbedingungen nehmen die Männer in Kauf für soziale Sicherheit, einen bescheidenen Wohlstand und soziale Anerkennung. Die Frauen sind stolz, alles zu schaffen, ein eigenes Einkommen und auch Zeit für die Kinder zu haben.

Das Versprechen aber, dass Leistung und Arbeitseifer soziale Sicherheit und Achtung garantieren, ist ins Wanken geraten. Sie alle haben sozialen Abstieg erlebt: beruflichen Abstieg vom Metallarbeiter zum Straßenreiniger, Lohnverlust, erzwungene Frühpensionierung. Sie fühlen sich um das versprochene Lebenskonzept betrogen, das einen Tausch von harter Arbeit gegen bescheidenen Wohlstand und einen anerkannten sozialen Status vorsieht. Die Frauen haben immer in prekären Jobs gearbeitet, aber auch immer wieder einen Job bekommen. Diese Arbeitsmarktchancen im unteren Lohnsegment sind jetzt im Schwinden. "Wer nimmt mich mit über 50, es wird immer schwieriger."

Ausbildung, Fleiß, Entsagungen, Treue - all das schützt nicht vor Abstieg. Das nehmen die Betroffenen als eklatanten Verstoß gegen die Fairness wahr, als eine tiefe Verletzung und Kränkung. Dafür gibt es öffentlich keine Sprache. Ihre Situation wird heruntergespielt oder mit leeren Durchhalteparolen zugedeckt.

"Wer sieht unsere Sorgen und Ängste?", höre ich immer mehr Leute bei uns sagen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. Die Debatte über Mindestsicherung beispielsweise findet seit zwei Jahren ohne die Betroffenen statt. Und niemand scheint es aufzufallen.

"Nicht wahrgenommen" werden bedeutet aber auch "ausgeschlossen sein". Der Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon argumentiert, dass heute die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft verbunden ist mit dem Wunsch nach Anerkennung. Und genau hier müsse eine Erneuerung der Demokratie ansetzen: bei jenen, deren Leben im Dunkeln bleibt, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind.

In Paris gründete Rosanvallon ein "Parlament der Unsichtbaren", das dazu dient, all die Geschichten von Menschen zu erzählen, die sonst im Dunkeln geblieben wären: von Jugendlichen, die sich durchkämpfen, von Arbeiterinnen im Niedriglohnsektor, vom alten Mann am Land. Für viele ist es schwierig geworden, die Gesellschaft noch zu lesen und sich selbst mittendrin. "Es untergräbt die Demokratie, wenn die vielen leisen Stimmen ungehört bleiben, die ganz gewöhnlichen Existenzen vernachlässigt und die scheinbar banalen Lebensläufe missachtet werden"

Ich bin meine Geschichte. Es gibt eine große Tradition dazu im Singer Songwriting, im Blues oder im Hip Hop. Diese Musik bildet ein eigenes hörbares "Parlament der Unsichtbaren", ein lebensweltliches Universum für die Ohren. Und im Buch der Geschichten, in der biblischen Story des Propheten Jesaja, heißt es: "Ich vergesse dich nicht. Ich habe Dich in meine Hand geschrieben".

Wer im Dunkeln steht, versucht eine gemeinsame Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist. Wer nicht im Licht steht, wird suchen, was in seinem Alltag verloren zu gehen droht: Achtung und Würde.

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