Johannes Wittich über Neuwahlen

"Zu hoch gepokert". Oberkirchenrat Johannes Wittich über die Verantwortung . - Gestaltung: Martin Gross

So hat sie sich das ganz sicher nicht vorgestellt, die britische Premierministerin Theresa May: Sie hat Neuwahlen ausgerufen, um sich einen großen Rückhalt in der Bevölkerung zu sichern - und steht jetzt politisch erheblich geschwächt da. "Hätte ich doch nicht …", wird wohl ihr erster Gedanke am Wahltag gewesen sein. Dumm gelaufen. Hoch gepokert - hoch verloren. Allerdings: Für mich kein Anlass für Spott oder Häme.

Vielmehr: Es irritiert mich, dass der Zeitpunkt von Wahlen zum Werkzeug politischen Kalküls wird und nicht die Wahl an sich. Natürlich ist es Teil des politischen Handwerks, strategisch geschickt Entscheidungen zu fällen. Dazu gehört auch, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, um einen bestimmten Schritt erfolgreich zu setzen, also zu erkennen, wann die Zeit reif ist für eine bestimmte Veränderung oder Neuerung oder wann besser noch ein bisschen gewartet werden sollte. Aber gleich Neuwahlen vom Zaun brechen, also das gesamte politische System neu aufzusetzen, allein aus der Hoffnung heraus, danach bessere Karten zu haben? Für mich widerspricht das so ziemlich allem, was "Sachpolitik" eigentlich sein sollte.

Auch wir, in unserem Land, wählen bald wieder. Die nächste Nationalratswahl wird im Herbst sein. "Vorgezogene Wahlen", wie es so schön heißt. Ein Euphemismus, so finde ich, denn tatsächlich geht es um etwas ganz anderes: um einen Abbruch der bisherigen politischen Arbeit. Um ein "Auf Eis Legen" bestimmter Projekte. In Summe: um ein Versagen, ein Scheitern.

Feste Amtsperioden politischer Entscheidungsgremien haben ihren Sinn. Wer antritt, um seine im Wahlkampf angekündigten Ziele umzusetzen, braucht dafür genügend Zeit. So werden ja auch bei Koalitionsregierungen am Beginn der Legislaturperiode Listen aufgesetzt, was alles abgearbeitet werden soll und wie, die so genannten Arbeitsübereinkommen. Allerdings: Im "normalen" Berufsleben ist es so, dass Arbeitsaufträge vollständig zu erfüllen sind. Vereinfacht gesagt: Wer nicht schafft, was aufgetragen ist, ist seinen Job los. Nicht so in der Politik: Dort darf man die angefangene Arbeit offensichtlich einfach hinschmeißen, Neuwahlen ausrufen und sich dann um den selben Job noch einmal bewerben. Jeder einfache Arbeitnehmer, jede einfache Arbeitnehmerin kann hier nur vor Neid erblassen.
Das daneben gegangene Kalkül Theresa Mays wirft für mich eine ganz grundsätzliche Frage auf: Wie sieht, nicht nur in der Politik, eine seriöse Strategie zur Planung der Zukunft aus? Was Theresa May gemacht hat, ist ja in vielen Kommentaren mit einem Pokerspiel verglichen worden. Hoher Einsatz - viel, wenn nicht sogar alles verloren. Zockermentalität, die, so finde ich, in der Politik nichts verloren hat.

Und auch sonst im Leben nicht. Dazu ist unser jeweiliges Leben viel zu wertvoll. Mut zum Risiko? Ja und unbedingt! Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann darf ich auch etwas riskieren. Aber das Leben als Glückspiel zu verstehen, das ist fahrlässig. In der Verantwortung gegenüber meinem Leben. Aber ganz besonders in der Verantwortung gegenüber den Menschen, die mir ihr Vertrauen schenken.

Wenn das Leben an sich schon unkalkulierbar ist, dann müssen wir es nicht auch noch als Einsatz auf einen imaginären Roulettetisch werfen. Das wusste schon ein kluger Mensch in biblischen Zeiten. Im Buch der Sprüche im Ersten Testament hat er Weisheiten gesammelt, Erkenntnisse, die ihm geholfen haben, zumindest ein wenig Durchblick in den Wirrungen des Lebens zu bekommen. Und da heißt es, unter anderem: Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie Gott es will. (Sprüche 16, 33).

Ich bin jetzt nicht so vermessen, zu behaupten, das Scheitern Theresa Mays sei ein göttliches Zeichen. Aber zumindest ein Gedankenanstoß. Zum Nachdenken über die Kalkulierbarkeit unseres Lebens. Und über die Verantwortung, die wir in den Unkalkulierbarkeiten des Lebens füreinander haben.

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