Der Justizpalastbrand

Der Justizpalastbrand. Die Gewaltereignisse vom 15. Juli 1927. Mit Gerhard Botz, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft, Wien.
Gestaltung: Rosemarie Burgstaller und Robert Weichinger

Nach dem Freispruch von drei Mitgliedern der rechtsgerichteten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs, die den Tod eines Kindes und eines Arbeiters während der Zusammenstöße mit dem sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbund im burgenländischen Schattendorf am 30. Jänner 1927 zu verantworten hatten, setzten in den Morgenstunden des 15. Juli 1927 Demonstrationen von großen Teilen der Wiener Arbeiter/innenschaft ein.

Der am 14. Juli 1927 erfolgte Freispruch im so genannten "Schattendorfer Prozess" stellte ein weiteres, fragwürdiges Gerichtsurteil dar, das Gewalttaten von Vertretern des rechten und rechts-konservativen Lagers nicht verfolgte, während die Opfer ausschließlich auf Seiten der politisch Linken zu beklagen waren. Der Leitartikel der Arbeiter-Zeitung vom 15. Juli 1927 gab die äußerst gespannte Atmosphäre wieder: "Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen".

Bei den sich im Laufe des 15. Juli zuspitzenden Zusammenstößen zwischen Demonstrant/innen und Polizei im Parlamentsviertel und dessen Umgebung, welche schließlich im Brand des Justizpalastes kulminierten, wie auch bei weiteren Auseinandersetzungen in äußeren Bezirken Wiens, wurden 89 Menschen getötet. Die Zahl der Verletzten schwankte in unterschiedlichen Angaben zwischen 548 (Wiener Polizeidirektion) und 1.057 (Arbeiter-Zeitung). 919 Personen wurden nach Angaben des Justizministeriums bis Ende September 1927 angezeigt.

Die Gewaltereignisse in Wien am 15. und 16. Juli sowie die bis zum 18. Juli dauernde österreichweite Streikaktion markieren einen Wendepunkt in der politischen Geschichte der Ersten Republik: Die Schwächung der demokratischen Kräfte und das beschleunigte Anwachsen der faschistischen Bewegungen.

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