Gisela Malekpour über die Kraft des Glaubens

Gisela Malekpour, Superintendentialkuratorin der evangelisch-lutherischen Diözese Niederösterreich, über die Kraft des Glaubens und die Notwendigkeit gegenseitiger Rücksichtnahme und Unterstützung. - Gestaltung: Martin Gross

"Die Kraft des Glaubens ist unsichtbar wie der Samen, aus dem ein riesiger Baum erwächst; sie ist aber der Ursprung für die sichtbaren Veränderungen im Leben eines Menschen.", schrieb der russische Dichter und Romancier Lew Nikolajewitsch Tolstoi vor 120 Jahren. Dieses Zitat hat bis heute nichts an seiner Gültigkeit verloren.

Sichtbar werden diese Veränderungen auch im Leben vieler Taufwerberinnen, die meist aus dem Iran, manchmal auch aus Afghanistan kommen. Die meisten von ihnen hatten bereits in den Heimatländern Kontakt mit christlichen Gemeinschaften. Dort freilich im Verborgenen, Geheimen.

Christliche Kirchen sind in diesen Ländern zwar geduldet, eine Konversion vom Islam zum Christentum wird aber nach den Gesetzen der Sharia mit Repression, Folter, ja bis hin zum Tod bestraft. Deshalb ist bei nicht wenigen auch der Wunsch zur Konversion der eigentliche Fluchtgrund.

In Österreich angekommen, suchen sie eigenständig Pfarrgemeinden auf und werden nicht, wie manchmal unterstellt, proaktiv angeworben. Ob sie in einer katholischen oder evangelischen Pfarrgemeinde "landen", hängt nicht zuletzt häufig von der Erreichbarkeit der Kirchen und somit von der räumlichen Nähe zu den Flüchtlingsunterkünften ab.

Der Unterschied der Konfessionen ist den meisten gar nicht bekannt. Christsein war in ihrer Heimat schon exotisch genug. Und, Hand aufs Herz, wie viele österreichische Christen und Christinnen kennen schon den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Aleviten und Sufisten?

Wenn, nach mehreren Gottesdienstbesuchen, der Wunsch nach Taufe ausgesprochen wird, beginnt ein zehn bis zwölf Monate dauernder Taufkurs. Die Unterlagen hierzu wurden in der evangelischen Kirche in Deutsch und Farsi (der persischen Sprache, die als Dari, einer Art Dialekt auch in Afghanistan gesprochen wird) erarbeitet.

Jede Taufwerberin und jeder Taufwerber erhält eine Bibel in der jeweiligen Muttersprache, um im Gottesdienst die entsprechenden Textstellen auch mitlesen zu können.
In den Gemeinden werden diese Menschen zunehmend integriert. Sie nehmen aktiv am Gemeindeleben teil, erfahren menschliche Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung. Nicht selten erklären sich Gemeindemitglieder bereit, als Taufpaten oder -patinnen zu fungieren. Die Taufe selbst macht die Gottesdienste zu berührenden Erlebnissen für alle Beteiligten.

Dass wir als evangelische Kirche weder Zahlen, noch Namen veröffentlichen, hat seinen alleinigen Grund im Schutz der Täuflinge. Das Bekanntwerden der Konversion birgt nicht nur für sie persönlich Gefahren, etwa bei einer eventuellen Rückkehr in ihr Heimatland. Es kann auch Repressalien für ihre Familie in der Heimat bedeuten. Nicht zuletzt sind nicht wenige auch hier in Österreich in ihren Flüchtlingsunterkünften durch muslimische Asylwerber Mobbing und Anfeindungen ausgesetzt.

Wir, als christliche Kirchen, wissen, dass wir aus diesen Gründen zu besonderer Rücksichtnahme verpflichtet sind. Wir wissen aber auch, dass sich die Zahl der Täufling im Promille-Bereich der Asylwerberinnen bewegt.

Die Veränderungen durch ihre Besuche bei uns, durch unser Miteinander, sind aber nicht nur an unseren Täuflingen bemerkbar. Sie lernen unsere Sprache und Kultur, gewinnen Vertrauen und neues Selbstbewusstsein, erleben Gemeinschaft und Auf-, sowie Angenommen-Sein.

Unsere Gemeindemitglieder erfahren die Veränderung durch die Kraft des Glaubens, durch die Weitung ihres Blickfeldes, das Öffnen ihrer Herzen für Menschen, die der Zuwendung bedürfen und tätigem Anpacken, wo immer Hilfe benötigt wird.
Gelebte Diakonie befruchtet somit alle Beteiligten und jede und jeder einzelne wird sowohl zum Geber als auch zum Nehmer. Es nutzt schließlich uns allen, weil es der Gesellschaft dient, in der wir leben. Alle für- und miteinander.

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