Violistin

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Salzburger Festspiele 2017

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister. Claude Vivier: Siddhartha für acht Instrumentengruppen Richard Wagner: Vorspiel und Isoldes Liebestod aus "Tristan und Isolde" Giacinto Scelsi: Hymnos für Orgel und zwei Orchester * Richard Strauss: Tod und Verklärung op. 24 (aufgenommen am 12. August in der Felsenreitschule Salzburg in Dolby Digital 5.1 Surround Sound). Präsentation: Philipp Weismann

Eros und Thanatos

"Das ist keine Musik … Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt!" So zürnt in Thomas Manns "Buddenbrooks" der brave Organist und Bach-Verehrer Edmund Pfühl über Richard Wagners "Tristan und Isolde", und so entrüsteten sich seinerzeit viele rechtschaffene Musiker über das unerhörte Werk. Die Vereinigung von Eros und Thanatos, von Liebe und Tod, sie blieb noch lange skandalös - obwohl oder gerade weil der "Tristan" und sein geheimnisvoller Akkord, der nach Auflösung strebt und doch sehnsuchtsvoll in sich ruht, das Tor zu öffnen schienen in eine harmonisch ungewisse Zukunft, in die Moderne. Denn die Ungewissheit wirkte stärker als die Erfüllung im verklärt leuchtenden H-Dur am Ende des "Liebestodes". Dabei stammt diese Bezeichnung für den Schlussgesang der Isolde vom Verleger, Wagner selbst sprach lieber von Isoldes "Verklärung".

Und so wirkt es umso logischer, dass Cornelius Meister und das RSO Wien zum Finale dieses Festspielkonzerts ein anderes musikalisches Sterben zelebrieren, jenes von Richard Strauss’ Tondichtung "Tod und Verklärung". Was viele Zeitgenossen sowohl bewunderten als auch befremdlich fanden, war jedenfalls der klinisch kühle, scharfe Blick, den der bei der Uraufführung 1890 gerade 26-jährige Strauss auf den imaginären Sterbenden und seine Todesqualen warf - und die Genauigkeit, mit der er diese musikalisch zu schildern wusste, erinnert an das berüchtigte Typhus-Kapitel in "Buddenbrooks", das gerade durch seine distanzierte Schilderung des Krankheitsverlaufs so beklemmend wirkt. Fast 60 Jahre später soll Strauss auf dem Totenbett gesagt haben, es verhalte sich mit dem Sterben genau so, wie damals komponiert.

Es fällt schwer, das tragisch frühe Ende Claude Viviers mit knapp 35 Jahren nicht im Widerstreit von Eros und Thanatos zu sehen: Der kanadische Komponist wurde 1983 in Paris von einem jungen Prostituierten ermordet. Seine Musik gilt als Spiegelbild seines Lebens: Adoption mit drei Jahren, eine schwierige Kindheit, die Suche nach den unbekannten Eltern, religiöses Empfinden und Homosexualität, die ambivalente Beziehung zum katholischen Priesterseminar, das ihm Wege zur Musik eröffnete, bis er hinausgeworfen wurde - all das brannte in diesem leidenschaftlichen, aber zugleich humorvollen Menschen, dem wenig Zeit vergönnt war. Das passt zur Selbstfindung in Hermann Hesses "Siddhartha", die Vivier 1976 in seinem ersten großen Orchesterwerk nachvollzog. Walter Boudreau, der Dirigent der Uraufführung, nannte es "selbstreflektierende Musik", einen "lebenden Organismus, ein kosmisches Kind, das von der Idee des Todes und des Unendlichen getrieben wird".

Dazu tritt Giacinto Scelsis "Hymnos": eine Suche, die im Inneren der Klänge wie der Psyche brodelt.
(Text: Walter Weidringer)

Service

Diese Sendung wird in Dolby Digital 5.1 Surround Sound übertragen. Die volle Surround-Qualität erleben Sie, wenn Sie Ö1 unter "OE1DD" über einen digitalen Satelliten-Receiver und eine mehrkanalfähige Audioanlage hören.

Playlist

Komponist/Komponistin: Claude Vivier/1948 - 1983
Gesamttitel: Salzburger Festspiele 2017/ORCHESTERKONZERT
Titel: Siddharta für acht Instrumentengruppen
Leitung: Cornelius Meister
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Länge: 28:41 min
Label: Boosey & Hawkes LM.

Komponist/Komponistin: Richard Wagner
Gesamttitel: Salzburger Festspiele 2017/ORCHESTERKONZERT
Titel: Aus: "Tristan und Isolde"
* Vorspiel
* Isoldes Liebestod
Leitung: Cornelius Meister
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Länge: 17:35 min
Label: Kalmus

Komponist/Komponistin: Giacinto Scelsi
Gesamttitel: Salzburger Festspiele 2017/ORCHESTERKONZERT
Titel: Hymnos für Orgel und zwei Orchester
Solist/Solistin: Robert Kovács, Orgel
Leitung: Cornelius Meister
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Länge: 10:36 min
Label: Salabert LM

Komponist/Komponistin: Richard Strauss
Gesamttitel: Salzburger Festspiele 2017/ORCHESTERKONZERT
Titel: Tod und Verklärung. Tondichtung für großes Orchester op.24
Leitung: Cornelius Meister
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Länge: 23:29 min
Label: Peters LM

Komponist/Komponistin: Richard Strauss
Titel: Sonate für Violoncello und Klavier in F-Dur op.6
* Allegro con brio - 1.Satz (00:11:02)
* Andante ma non troppo - 2.Satz (00:09:02)
* Finale : Allegro vivo - 3.Satz (00:09:00)
Cellosonate
Solist/Solistin: Yo Yo Ma /Violoncello
Solist/Solistin: Emanuel Ax /Klavier
Länge: 29:20 min
Label: CBS MK 44980

Komponist/Komponistin: Ludwig van Beethoven
Titel: Sonate für Klavier Nr.21 in C-Dur op.53
Populartitel: Waldstein Sonate
* Allegro con brio - 1.Satz (00:11:04)
* Introduzione. Adagio molto - attacca - 2.Satz (00:04:39)
* Rondo; Allegretto moderato - 3.Satz (00:07:34)
* Prestissimo - 4.Satz (00:01:45)
Klaviersonate
Solist/Solistin: Emil Gilels /Klavier
Länge: 25:02 min
Label: DG 4191622

Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Mehr dazu in oe1.orf.at

Neue Musik einst und jetzt

RSO Wien bei den Salzburger Festspielen

Liebe und Tod

Das RSO bei den Salzburger Festspielen