Reinhard Deutsch über Leo Perutz

"Im Reich der unermesslichen Zahlen, Zeichen und wirkenden Kräfte" - Zum 60. Todestag des Dichters Leo Perutz macht sich der Verleger Reinhard Deutsch Gedanken über den Erzähler von Geschichten zwischen Wirklichkeit und Mystik. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Keinen rechten Winkel gibt es in den Gassen, kein Stückchen vom Himmel ist sichtbar, wenn die Dächer schiefer Häuser den Blick verstellen. Fest heftet der Mensch den Blick auf den Boden, wenn er durch die Gassen der Prager Judenstadt eilt, bloß nicht stehen bleiben, bloß nicht um sich schauen. Er könnte um die Ecke kommen, der Golem. Oder der Perutz.

Wenn Leo Perutz seinen zärtlich-ironischen Blick auf das Prag des Kaisers Rudolf richtete, angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Aberglaube und Wissensdurst, dann erstanden ihm Schicksale und Figuren, von denen eigentlich unvorstellbar ist, dass sie gar nicht gelebt haben.

Dieses Prag ist uns für immer verloren, die Zeit ist darüber unbarmherzig hinweggegangen. Doch die Schatten der Menschen, sie sind den Steinen eingeschrieben … "Nachts unter der steinernen Brücke" versammelt Geschichten von Liebenden und Leidenden; unvergesslich jene, in der ein arroganter Aristokratenschnösel einem ihm schwerfällig erscheinenden Landedelmann ein Duell abzwingt, nicht ahnend, wie chancenlos er diesem gewaltigen Fechter gegenüber sein wird. Doch der Sieger ist großmütig, schenkt ihm das Leben, allerdings um einen besonderen Preis - Tanzen muss er, tanzen, tanzen, vom Säbel vorangetrieben, durch die ganze Stadt, ihm zum Spott, dem anderen zur Genugtuung. Schließlich führt der Weg durch das Judenviertel, und die Kraft verlässt den Tanzenden endgültig. Die Beine können nicht mehr, das Herz droht ihm zu zerspringen, doch sein Peiniger will erst von ihm ablassen, wenn er ihm ein Jesusbild zeigt. Woher in Gottes Namen soll er ausgerechnet hier ein Bild von Christus nehmen?

Da hebt der Rabbi Löw, der mächtige Lehrer seines Volkes, der in der Not Wunder tut, die Hand - und auf der leeren Mauer eines halb zerfallenen Hauses erscheint das Porträt des leidenden Menschensohnes. Erschauernd lässt der Beleidigte sein Opfer laufen. Doch das Bild, das aus dem Nichts entstanden ist, ist gar nicht das des Christus. Es ist das Bild des ewig Verfolgten, des ewig Gejagten, des ewig Gedemütigten.

Vom Rabbi Löw zeugt noch sein Grabstein, halb versunken im Prager Friedhof. Von den Wundern, die möglich sind, wenn die Verzweiflung eines Menschen den Himmel aufreißt, zeugen die Dichter. Dichter wie Leo Perutz, dem wir Erinnerungen an Geschehnisse verdanken, die nie stattgefunden haben.

Service

Leo Perutz, "Nachts unter der steinernen Brücke", Verlag dtv
Hans-Harald Müller, "Leo Perutz. Biographie", Verlag Paul Zsolnay

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Playlist

Komponist/Komponistin: Johannes Brahms/1833 - 1897
Titel: Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello in a-moll op.114
* Allegro - 1.Satz (00:08:10)
Solist/Solistin: Andras Schiff /Klavier
Solist/Solistin: Peter Schmidl /Klarinette
Solist/Solistin: Friedrich Dolezal /Violoncello
Länge: 02:00 min
Label: Decca 4101142

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