Cornelius Hell zum 200. Geburtstag von Theodor Storm

"Ein Blatt aus sommerlichen Tagen". Zum 200. Geburtstag von Theodor Storm macht sich der Literaturkritiker und Übersetzer Cornelius Hell Gedanken über den Lyriker und Erzähler. Gestaltung: Alexandra Mantler

Der Herbst muss die Lieblingsjahreszeit von Theodor Storm gewesen sein, denke ich, wenn ich seine Gedichte lese. Oft ist dieser Herbst bei ihm keine Zeit der Ernte und der Fülle, sondern der traurigen Leere. "Herbst ist gekommen, Frühling ist weit - / Gab es denn einmal selige Zeit?", lautet eine Strophe des Gedichts "Über die Heide". Darauf folgt eine Beschreibung der Herbstlandschaft: "Brennende Nebel geistern umher; / Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer." Der Himmel in seiner Doppeldeutigkeit - als Firmament und als Symbol für das Jenseits - weitet die Landschaftsbeschreibung zu einer Aussage über die Welt und die Vergänglichkeit des Lebens. Die schönen Erinnerungen sind nur noch ein brennender Schmerz. Die Schlussstrophe des Gedichtes lautet: "Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai! / Leben und Liebe - wie flog es vorbei!"

Die brennende Leere, der Schmerz der Vergänglichkeit - in seinen besten Gedichten hat Theodor Storm dafür einfache und prägnante Bilder gefunden, die ich nicht so schnell loswerde. Und die mir näher sind als wortreicher Trost. Es gibt allerdings auch Gedichte, in denen Storm Trauer und Nostalgie allzu breit ausmalt und sich in eine Todessehnsucht, wenn nicht gar Todesseligkeit flüchtet. Dahin mag ich ihm nicht folgen.

Dafür liebe ich Storms Gedicht "Ein grünes Blatt" ganz besonders, weil es die Kraft zum Ausdruck bringt, die Erinnerung geben kann:

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Wenn der Winter die Farbenpalette der Natur auf Schwarz-Weiß reduziert und die lauten Vogelstimmen auf eine pochende Stille herunterdimmt, genügt schon ein grünes Blatt, um die Kraft der Farben und Laute des Sommers nicht zu vergessen. Oder heute, zweihundert Jahre nach Theodor Storm, ist es vielleicht ein Bild am Handy oder ein besonderer Gegenstand, mitgebracht von einer Reise. Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, genügt mir die Erinnerung an einen Ort, an dem ich glücklich war, um wieder Ruhe zu finden.

Service

Theodor Storm, Pole Poppenspäler. Reclam Verlag 2002. (Auch enthalten in: Theodor Storm, Erzählungen. Herausgegeben von Rüdiger Frommholz. Reclam Verlag)

Theodor Storm, Der Schimmelreiter. Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Philipp Theison. Alfred Kröner Verlag 2016 (Taschenbuchausgabe: Reclam Verlag 2017)

Theodor Storm, Zur Chronik von Grieshuus. Herausgegeben und mit einem Nachwort und einem Glossar von Jochen Missfeldt. C. H. Beck Verlag 2013

Theodor Storm, Gedichte. Auswahl. Herausgegeben von Gunter Grimm. Reclam Verlag 2012

Theodor Storm, Immensee und andere Novellen. Reclam Verlag 2002

Jochen Missfeldt, Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Carl Hanser Verlag, 3. Auflage 2013 (Taschenbuchausgabe: Reclam Verlag 2014)

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Playlist

Komponist/Komponistin: Peter Iljitsch Tschaikowsky/1840 - 1893
Titel: Variationen über ein Rokoko Thema für Violoncello und Orchester op.33
* 9. Variation 4 (00:01:56)
Solist/Solistin: Pieter Wispelwey /Violoncello
Orchester: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Leitung: Daniel Sepec
Länge: 02:00 min
Label: Channel Classics CCS 16598

Sendereihe

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