Weit aufgerissene Augen

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Schwerpunkt Baujahr 67 - 50 Jahre Ö1: Die Sehnsucht nach und Wege zur Bewusstseinserweiterung


Die 1960er waren ein für unsere westliche Gesellschaft entscheidendes Jahrzehnt. Eine Tür wurde geöffnet und nie wieder geschlossen. Seitdem sind junge Menschen antiautoritär, hedonistisch, neugierig auf freie Liebe und Bewusstseinserweiterung.
In diese Jahre des Aufbruchs passten Drogen, aber auch Yoga, transzendentale Meditation und die New Age-Bewegung. Soweit so klar. Aber was ist eigentlich Bewusstsein?

Ein ungelöstes Rätsel

Der Begriff Bewusstsein tauchte erstmals im frühen 18. Jahrhundert auf. Der Philosoph, Mathematiker und Logiker Christian Wolff (1679-1754) versuchte damit das "cogito ergo sum" von Descartes auf eine breitere Basis als "nur" das Denken zu stellen. Also: Ich habe Bewusstsein, deshalb bin ich. Nur erklären und definieren konnte es bis zum heutigen Tag niemand. Es besteht aus vielen Komponenten: Wahrnehmungen aus dem Körperinneren und aus der Umwelt, Gedächtnisleistungen, Gefühlen, dem Unterbewusstsein, Entscheidungs- und Handlungsvermögen, Raum-Zeit-Empfinden, dem Setzen von Aktivitäten usw. (Quelle: D. Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände)

Das Gegenteil hingegen ist offensichtlich

Besonders spannend: Auch wenn niemand weiß, was Bewusstsein ist, so sind Bewusstseinsveränderungen klar zu erkennen und zuzuordnen.
Um nur einige Beispiele zu nennen: Rauschzustände aller Art, Trancen, die Beeinflussung durch Medikamente, der Zustand in Hypnose, Halluzinationen, Besessenheit, Benommenheit, Schläfrigkeit, psychiatrische Erkrankungsbilder etc.

Das Bedürfnis nach Transzendenz

Unser Sendungsgast Dr. Martin Luger beforscht das Bewusstsein aus verschiedenen Richtungen. Zum einem verfeinert er täglich seine eigene Wahrnehmung durch das Praktizieren und Lehren der Feldenkrais-Methode. Durch gezielte Bewegungen erlangt man gemäß den von Moshé Feldenkrais entwickelten Körperübungen mehr Bewusstsein.
Als Kultur- und Sozialanthropologe hat sich Martin Luger mit bewusstseinserweiternden Ritualen anderer Völker auseinandergesetzt. Solche würden häufig in (schwierigen) Übergangszeiten zum Einsatz kommen - etwa rund um Geburt und Pubertät, im Krankheitsfall oder nach Todesfällen. Typisch seien unterschiedliche Meditationspraktiken, Tänze, Rasseln, Trommeln, Trance - aber auch die Einnahme oder das Inhalieren bestimmter Substanzen.

Der Weg der inneren Ruhe

Prof. em. Dr. Dieter Vaitl hat jahrzehntelang untersucht, wie Autogenes Training, Meditation und Trancezustände auf das Gehirn wirken. Seitdem die bildgebenden Verfahren fast alle Abläufe im Gehirn exakt erfassen können, wurde diese Forschung beflügelt. Dass Menschen mit langjähriger Meditationspraxis stressresistenter, angstfreier und konzentrierter leben, ist schon länger klar. Die wissenschaftliche Erklärung dafür wurde nun "nachgeliefert": Die dafür zuständigen Gehirnareale sind deutlich ausgeprägter als bei Nicht-Meditierenden.

Der Zeitgeist und seine Drogen

Die 1960iger - dieses Jahrzehnt stellt wohl die meisten anderen in den Schatten. Eine Vielzahl geistiger, künstlerischer und gesellschaftspolitischer Strömungen gipfelten im "Summer of Love" 1967. Eines der Charakteristika dieser Jahre - der teilweise exzessive Gebrauch bewusstseinserweiternder Drogen.
Der Wirkstoff von Ecstasy MDMA wurde 1912 von Chemikern der Firma E. Merck synthetisiert.1938 stieß Albert Hofmann in den Labors des Basler Pharmakonzerns Sandoz zufällig auf Lysergsäurediäthylamid - 1943 entdeckte er die Wirkung von LSD.
Es waren in der Folge wissenschaftliche Experimente mit psychedelischen Substanzen wie LSD, Ecstasy, Meskalin etc., die deren breiten Einsatz in den 1960ern vorbereiteten.

Drogen und wissenschaftliche Erkenntnisse

Mit dem LSD-Verbot Ende der 1960er Jahre kamen auch die Experimente mit Psychedelika in Verruf. Dennoch haben die Erkenntnisse über die Wirkung dieser Substanzen die Medizin nachhaltig geprägt, so Univ.-Prof. Dr. Michael Freissmuth, Vorstand des Instituts für Pharmakologie der Meduni Wien. Es wurde festgestellt, dass es zwei verschiedene Typen von Serotoninrezeptoren im Gehirn gibt. Einer wird durch LSD aktiviert, der andere unterdrückt. Mittlerweile wurden viele weitere Serotoninrezeptoren klassifiziert. Diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung einer ganzen Palette von rezeptorspezifischen Medikamenten: Moderne Antipsychotika, Mittel gegen Depressionen etc. sind aus dieser Forschung hervorgegangen.

Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Redaktion: Dr. Christoph Leprich und Mag.a Nora Kirchschlager.

Fragen:

Wie erweitern Sie Ihr Bewusstsein?

Finden Sie bewusstseinserweiternde Rituale und Techniken spannend?

Sind Sie Zeitzeuge des "summer of love"?

Praktizieren Sie Meditation, Yoga oder Achtsamkeitsübungen?

Haben Sie Erfahrungen mit Trance oder Hypnose?

Reden Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Service

Univ.-Prof. Dr. Michael Freissmuth
Vorstand des Instituts für Pharmakologie der Meduni Wien
Währingerstr. 13A
1090 Wien
Tel.: 01/40160/31371
E-Mail
Prof. Freissmuth

Dr. Martin Luger
Psychotherapeut, Feldenkrais-Lehrer
Lehrbeauftragter am Institut für Kultur- und Sozialanthropologe der Uni Wien
Stephan-Buger-G. 3/2
3100 St. Pölten
Tel.: +43/650/2708921
E-Mail
Martin Luger

Prof. em. Dr. Dieter Vaitl
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V., Freiburg i.Br.
und Bender Institute of Neuroimaging, Justus-Liebig-Universität Gießen
Wilhelmstraße 3a
D-79098 Freiburg i.Br.
Tel.: +49/761/207-21-55
E-Mail
Prof. Vaitl

Bewusstseinserweiterung ohne Drogen
Meditation: Wie Zähneputzen fürs Gehirn
Wie LSD im Gehirn funktioniert
Akademie für Bewusstseinsforschung Wien
Drogeninduzierte und andere außergewöhnliche Bewusstseinszustände
Im psychedelischen Rausch - Eine kleine Geschichte der Bewusstseinserweiterung

Dieter Vaitl, "Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen - Techniken - Phänomenologie", Verlag: Schattauer; Auflage: 1 (5. Juni 2012)

Franz Petermann, Dieter Vaitl (Hrsg.), "Entspannungsverfahren: Das Praxishandbuch", Verlag: Beltz; Auflage: 5 (18. August 2014)

Christof Koch, "Bewusstsein - ein neurobiologisches Rätsel", Verlag: Spektrum Akademischer Verlag 2014

Albert Hofmann, "LSD - Mein Sorgenkind: Die Entdeckung einer "Wunderdroge"", Verlag: Klett-Cotta 2017

Stanislav Grof, "LSD Psychotherapie", Verlag: Klett-Cotta /J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger; Auflage: 3 (27. März 2015)

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