Sturm macht Arbeit

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister; Leonidas Kavakos, Violine. Luigi Cherubini: Ouvertüre zu "Anakreon" Lera Auerbach: Nyx: Fractured Dreams, Konzert Nr. 4 für Violine und Orchester (2017; Österreichische Erstaufführung) Alexander Zemlinsky: Die Seejungfrau, Symphonische Dichtung (aufgenommen am 14. Oktober im Großen Musikvereinssaal in Wien in Dolby Digital 5.1 Surround Sound). Präsentation: Eva Teimel

Es muss wahrlich nicht leicht gewesen sein, zur Jahrhundertwende ein Werk in die Welt zu setzen, ohne sich damit selbst einen Stempel aufzudrücken. Zu groß waren die Gräben zwischen den Traditionalisten und den "Neu-Tönern", deren unterschiedliche Auffassungen durchaus zu Streitigkeiten führen konnten. Hielt man es nun mit den Anhängern formaler Tradition oder mit jenen der programmatischen Erzählkunst?

Alexander Zemlinsky entschied sich, keinen der Wege einzuschlagen und doch beide zu berücksichtigen. Als Untertitel seines 1903 entstandenen Werks "Die Seejungfrau" wählte er eine Bezeichnung, die die Sache im Dunkeln ließ: Eine "Phantasie für Orchester" war weder Symphonie noch Symphonische Dichtung. Und hatte trotz allem ein literarisches Werk zur Grundlage, nämlich ein Märchen Hans Christian Andersens. Die Geschichte rund um die junge Seejungfrau, die einen Prinzen vor dem Ertrinken rettet und aus Liebe zu ihm menschliche Gestalt annimmt, würde sich förmlich anbieten für eine programmatisch-lautmalerische Gestaltung. Wenn sich die Seejungfrau am Ende wegen der enttäuschten Liebe in Schaum verwandelt und vom Wind in die Lüfte getragen wird, wird die Sache jedoch bereits komplexer. Eine "Sauarbeit" sei es, den Sturm am Meer zu komponieren,"wenn man nicht billig und gemein sein will", schrieb Zemlinsky an seinen Kollegen Arnold Schönberg in Hinblick auf die Gefahr, in seiner Musik allzu banal zu werden und lediglich eine musikalische Schilderung der Handlung auszuführen. In der Tat gelingt dem Komponisten diese Abwehr der Banalität, indem er zum Schluss mehr sphärisch als erzählerisch das verklärte Glück der glücklosen Seejungfrau zum Ausdruck bringt.

Alles andere als banal sind auch jene Assoziationen, die die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach zum Entwurf ihres 4. Violinkonzerts "NYx: Fractured Dreams" führten. Im Zentrum steht der Gedanke des Träumens – eine Annäherung an die Zeit, wenn im Traum Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfließen. In kompositorischer Hinsicht schuf Lera Auerbach dies durch die Aneinanderreihung mehrerer Sequenzen, die in Summe eine von Träumen durchsetzte Nacht entstehen ließen – mit all den Visionen und Abgründen, die diesem Zustand nahestehen. Der Titel bezieht sich auf die griechische Göttin der Nacht Nyx, deren erste zwei Buchstaben gleichzeitig die Stadt New York bezeichnen – die "Stadt der Träumer", wie die Komponistin ihre Wahlheimat bezeichnet.

Zur griechischen Göttin der Nacht führt zum Auftakt der griechische Gott der Liebe in Luigi Cherubinis Oper "Anacreon". Wenn Amor seine Finger im Spiel hat, kann sich auch der von der Zeit gezeichnete Lyriker Anacreon der Liebe seiner jungen Muse Corine sicher sein.

(Eva Teimel)

Service

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Biographie Leonidas Kavakos

Playlist

Komponist/Komponistin: Luigi Cherubini
Titel: Ouvertüre zu "Anacreon"
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 09:20 min
Label: Breitkopf / EM

Komponist/Komponistin: Lera Auerbach
Titel: NYx: Fractured Dreams. Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 (Europ. Erstaufführung)
Solist/Solistin: Leonidas Kavakos, Violine
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Ausführender/Ausführende: Katharina Micada, Singende Säge
Leitung: Cornelius Meister, Dirigent
Länge: 29:42 min
Label: Sikorski / LM

Komponist/Komponistin: Alexander Zemlinsky
Titel: "Die Seejungfrau" - Fantasie in drei Sätzen für großes Orchester
* 1 Sehr mäßig bewegt 15.30
* 2 Sehr bewegt, rauschend 12.52
* 3 Sehr gedehnt, mit schmerzvollem Ausdruck 12.58
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 41:19 min
Label: UE / LM

Komponist/Komponistin: Alexander Zemlinsky
Album: ORCHESTERWERKE VON ZEMLINSKY
Titel: Vorspiel zum Prolog aus "Es war einmal...." - Märchenoper in 3 Akten mit Prolog
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 05:45 min
Label: cpo 7779622

Komponist/Komponistin: Alexander Zemlinsky
Album: ORCHESTERWERKE VON ZEMLINSKY
Titel: Zwischenspiel zum 1.Akt aus "Es war einmal" - Märchenoper in 3 Akten mit Prolog
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 04:30 min
Label: cpo 7779622

Komponist/Komponistin: Peter Iljitsch Tschaikowsky/1840-1893
Album: RSO WIEN SPIELT FÜR FREUNDE 2 : GRAFENEGG LIVE 2011
Titel: Capriccio Italien in A-Dur op.45
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 16:15 min
Label: ORF RSO Wien (keine Nummer)

Komponist/Komponistin: Alexander Zemlinsky
Titel: "Die Seejungfrau" - Fantasie in drei Sätzen für großes Orchester (Ausschnitte im Rahmen der "Klassischen Verführung")
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Cornelius Meister
Länge: 05:56 min
Label: UE / LM

Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

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