Michael Bünker über die Sprengkraft der 95 Thesen

"Der Funken an der Lunte". Aus Anlass des Reformationsjubiläums und wegen ihrer erstaunlichen Aktualität lohnt es sich, noch 500 Jahre später einen Blick auf die "95 Thesen" zu werfen, meint Michael Bünker, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Ob Martin Luther sich dessen schon bewusst war, dass er mit seinen 95 Thesen das Feld der offenen Gegnerschaft zum Papst in Rom betritt? Auf den ersten Blick hat das gar nicht den Anschein. Auch wenn es in These 62 heißt: Der wahre Schatz der Kirche ist das Evangelium.

Aber dieser Schatz, so Luther, ist aus gutem Grund ganz verhasst, denn er macht aus Ersten Letzte. Der Schatz des Ablasses ist hingegen hochwillkommen, denn er macht aus den Letzten Erste. Mit dem Evangelium fischt man die Menschen aus ihrem Reichtum, mit dem Ablass hingegen den Reichtum von den Menschen. Die 81. These verrät deutlicher eine potentielle Kritik am Papst. Sie lautet: "Diese unverfrorene Ablassverkündigung (damit meint Luther die Kampagne des Johannes Tetzel) führt dazu, dass es selbst für gelehrte Männer nicht leicht ist, die Achtung gegenüber dem Papst wiederherzustellen angesichts der Anschuldigungen oder der gewiss scharfsinnigen Fragen der Laien."

Solche Fragen zählt er dann auf: Warum räumt der Papst das Fegefeuer nicht einfach aus Liebe aus, anstatt einzelne Seelen gegen Geld daraus zu befreien? Oder: Warum baut er den Petersdom nicht aus eigenen Mitteln? Und so weiter. Es sind kritische Fragen, die in der These 89 auf den Punkt gebracht werden, wo Luther meint: Vorausgesetzt, der Papst sucht durch die Ablässe mehr das Heil der Seelen als das Geld. Vorausgesetzt! Für Luther ist es eben fraglich, ob das der Fall ist und ob nicht gar das Geld auch für den Papst im Vordergrund steht.

Volker Leppin, der Lutherbiograph, bemerkt dazu, dass Luther hier "gewitzt" und feinsinnig argumentiert, vordergründig nur die Stimmen der Menschen laut werden lässt und sich dabei selbst in ein "Unschuldsgewand" der vorgetäuschten Sorge um das Ansehen des Papstes hüllt. Im Rückblick aber wird es deutlich, dass sich hier bereits die grundlegende Kritik am Papsttum und die Ablösung Luthers von Rom ankündigt. Der Ablasshandel verkennt einfach, dass es Dinge gibt, die für Geld nicht zu haben sind. Mensch und Schöpfung, Leben und Glück, Erlösung; Vergebung und Gnade. Eine Kirche, die das vergisst, braucht gewiss eine Reformation.

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Ö1-Archiv: 500 Jahre Reformation

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Playlist

Bearbeiter/Bearbeiterin: Enrique Crespo
Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Album: BACH 300 - GERMAN BRASS
* Badinerie - 3.Satz (a.d.Suite für Orchester in h-moll BWV 1067) (00:01:23)
Titel: Kleine Suite für Blechbläser aus den Suiten/Ouvertüren für Orchester
Ausführende: German Brass
Leitung: Enrique Crespo
Länge: 02:00 min
Label: EMI 7474302

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