Michael Bünker über die Sprengkraft der 95 Thesen

"Der Funken an der Lunte". Aus Anlass des Reformationsjubiläums und wegen ihrer erstaunlichen Aktualität lohnt es sich, noch 500 Jahre später einen Blick auf die "95 Thesen" zu werfen, meint Michael Bünker, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Mit seinen 95 Thesen war Luther vor 500 Jahren in die Öffentlichkeit getreten. Ab jetzt, ab 1517, beherrscht die öffentliche Kontroverse das Geschehen, bis hin zu seinem Auftreten vor Kaiser und Reich am Reichstag von Worms vier Jahre später.

Seine Schriften wurden zahlreich gedruckt und weit verbreitet. Geplant war all das nicht. Er selbst war sich gar nicht sicher, ob er dem gewachsen sein würde. Der Unterstützung bisheriger Weggefährten wie seines Mentors Johann von Staupitz war er sich nicht mehr sicher, manchmal fühlte er sich alleingelassen. "Jedermann ließ mich allein verzappeln mit den Papisten", klagte er. Aber neue Begleiter stellten sich an seine Seite, manche wurden ihm zu Freunden, wie etwa Philipp Melanchthon.

Im Zuge der Beschäftigung mit seinen 95 Thesen beginnt Martin Luther, seinen Familiennamen nicht mehr wie bis dahin mit weichem "d", also "Luder", sondern mit "th", also "Luther", wie wir es bis heute kennen, zu schreiben. So unterschreibt er jetzt. Dann folgt er noch dem Brauch des Humanismus seiner Zeit, den eigenen Namen irgendwie ins Lateinische oder - noch besser - ins Griechische zu übersetzen und nennt sich plötzlich "Eleutherius". Ausgerechnet im Brief an Erzbischof Albrecht, mit dem er ihm am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen übersendet, unterschreibt er so. Eleutherius, der Befreite, der Freie oder der Befreier. Jede Deutung ist möglich. Frei durch das neue Verständnis von Gottes Gerechtigkeit, die durch die Gnade allein geschenkt wird. Befreit von Höllenangst und dem Zwang zur Selbstrechtfertigung. Befreiend durch die Zumutung, selbst für den eigenen Glauben einstehen zu können ohne Bevormundung und Gängelung. Die 95 Thesen erscheinen in einem besonderen Licht nicht nur für den Verlauf der Reformation, sondern auch für das Selbstverständnis Martin Luthers. Er sagte sich los von den Autoritäten seiner Zeit und den allgemein anerkannten Überzeugungen und wagte den Schritt ins Freie.

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Ö1-Archiv: 500 Jahre Reformation

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Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Bearbeiter/Bearbeiterin: Ward Swingle
Album: JSP / JAZZ SEBASTIEN BACH
Titel: Gavotte / nach dem 3.Satz aus der Partita für Violine Nr.3 in E-Dur BWV 1006
Sebastian Bach
Ausführende: Swingle Singers
Ausführende: Guy Pedersen /Bass
Ausführende: Bernard Lubat /Drums
Länge: 02:00 min
Label: Philips 8247032

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