Radiokolleg - Horizontal und vertikal

Von Melodik und Harmonik (3). Gestaltung: Martin Adel

Wer wüsste nicht, was eine Melodie ist? - man singt, pfeift, spielt sie nach; man erkennt sie wieder; oder sie sitzt einem als Ohrwurm im Kopf. Man könnte sie auch einfach definieren als zeitliche Tonfolge, die von bestimmten Tonintervallen und Rhythmus strukturiert und charakterisiert ist. Man könnte auch von einer typischen Melodik der italienischen Oper (beispielsweise) sprechen; - aber Verfeinerungen dieser Art machen die Sache im Prinzip nicht anders, nur schwerer zu beschreiben.

Tatsächlich komplizierter ist es da mit der Harmonik! Die Harmonik regelt - ganz grob gesprochen - den Zusammenklang mehrerer Töne, d.h. Mehrstimmigkeit, allerdings angefangen von der frühen Mehrstimmigkeit des (europäischen) Mittelalters bis hin zu den Klangstrukturen der Avantgarden.

So ist auch eine der vielen Fragen, die sich über das lange wechselseitige Verhältnis von Melodie und Harmonie auftun, nicht zuletzt diese: Haben nicht gerade diese Avantgarden immer wieder versucht, den "Spieß" umzukehren und eine Musik ohne Melodie zu komponieren? Oder auch jene andere Frage: Weltharmonie, Weltharmonik - wie, was, wann, wo? Harmonie ist doch "einigermaßen" der Gegensatz zu Chaos, d.h. geordnet, regelhaft, im traditionellen Sinne aber jedenfalls "wohl proportioniert" oder auch um Spannungsausgleich bemüht!

Zumindest Letzteres kann man von der Harmonik gerade nicht behaupten. Vielleicht sind dafür unsere "Ohrwascheln" "von-Haus-aus" zu sehr melodieorientiert, womit das Komponieren und (Zu-)Hören von harmonischen Klanggebilden zur (steigerungsfähigen) hohen Kulturleistung avanciert?

Man wird vermutlich nicht falsch liegen mit der These, dass die Herausforderungen des Komponierens - im Laufe der Jahrhunderte - deren melodische Schöpfungen zwar keineswegs obsolet gemacht, aber deren harmonische Komplexität und Kompliziertheit haben steigen lassen. Immerhin scheint es zu kurz gegriffen, wollte man der Melodik das Gefühl zuschreiben und der Harmonik das intellektuelle Vergnügen an musikalischer Artistik.

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